Melanie Levensohn: Zwischen uns ein ganzes Leben

Voraussichtliche Lesezeit: 5 Minuten.

Zwischen uns ein ganzes Leben von Melanie Levensohn erzählt voller Empathie authentisch aus dem und von dem Leben einer jüdischen Ahnin und Namensvetterin, deren Schicksal sich bis heute nicht klären ließ. Für die heute lebende Autorin war das Leben der Ahnin gleichen Namens die Inspiration zu diesem Roman, der sich zwar in Teilen an der realen Geschichte entlang hangelt, aber doch am Ende eine abgeschlossene und fiktive Geschichte erzählt.

Ein Roman, zwei Erzählstränge

Melanie Levensohn erzählt in ihrem Roman von Judith Goldemberg, einer jüdischen Studentin aus dem Paris 1940. Für die Figur der Judith greift sie auf die Erkenntnisse zurück, welche sie durch die Ahnenforschung erhalten hat. Mit der Zeit der deutschen Besatzung wurde das Leben der Juden auch in Paris gefährlicher und ungemütlicher. Führte Judith zunächst noch das Leben einer modernen jungen Frau, mit dem Wunsch  auf eine aussichtsreiche Zukunft und einem Mann an ihrer Seite, der hinter ihr stand, ging es bald um nicht viel weniger als Leben und Tod und das, obwohl Christian, ihr Geliebter, die Flucht bereits plante.

Mit diesem ersten düsteren und doch lebensbejahenden Teil gibt Melanie Levensohn der deutsch-jüdischen Geschichte ein Gesicht, eine Handlung, die dem Leser aufzeigt, wie schwierig es zu jener Zeit war, zu (über)leben.

Mit dem zweiten Erzählstrang gibt Levensohn dann den Hinterbliebenen ein Gesicht. Fast scheint es so, als würde sie die Erkenntnisse aus der Recherche über die Ahnin in der Figur der Jacobina verarbeiten. Jacobina begibt sich nämlich mehr als 50 Jahre später auf die Suchen nach ihrer in der NS-Zeit verschollenen Halbschwester Judith, doch die Spuren sind nicht eindeutig…

Stilistisch

Stilistisch gewänne dieser Roman eine bunte Mischung aus historischem Roman, Familien- und Liebesgeschichte mit realen Begebenheiten. Tatsächlich baut dieser Roman ebenfalls wieder auf der Familiengeschichte der Autorin auf, was sie für mich unheimlich spannend machte.

Für diesen Roman bedeutet aber der Schreibstil der Autorin, der persönlich und nah ist, dass ich als Leserin voll in der Geschichte aufging. Diesen Roman habe ich innerhalb kürzester Zeit (ich glaube es war an einem Wochenende) in einem Rutsch durchgelesen.

Ja, auch dieser Roman ist emotional anspruchsvoll. Ja, auch dieser Roman macht nachdenklich und doch wohl der mich als Leser dort ab, wo ich mich befinde. Natürlich, ich sollte mich schon für Geschichte interessieren und tue es ja auch, aber dieser Roman erläutert im Rahmen seiner Handlung durch direktes zeigen und weniger durch die Voraussetzung die Geschichte zu kennen.

Sprachlich schafft es die Autorin übrigens auch, mich dort abzuholen, wo ich es zeitlich erwarte. Ja, man merkt die unterschiedlichen Zeiten auch und vor allem am Schreibstil. Atmosphärisch dicht ist die Geschichte aus Gründen sowieso schon, denn die Autorin verzichtet nicht darauf, die Orte zu beschreiben oder uns ein grobes Abbild der Figuren zu zeichnen. Wir wissen also, wie die handelnden Figuren aussehen. Auch das trägt zur Authentizität bei. Das ist es was uns als Leser in die Geschichte hineinzieht. Diese Figuren können nicht willkürlich ausgetauscht werden. Sie sind einfach authentisch und basieren auf echten Menschen. Das macht die Geschichte aber gleichzeitig bedrückend real und atmosphärisch fassbar.

Emotionaler Stresstest

Dieses Buch innerhalb kürzester Zeit zu lesen ist anstrengend, da es einerseits mitreißend ist, andererseits aber auch nachdenklich stimmt. Ja, es gibt solche Bücher, die man gleichzeitig gern in einem Rutsch lesen möchte und die ein gleichzeitig aufgrund ihrer hohen Emotionalität dazu zwingen immer wieder eine Pause zu machen.

Hoher Bedarf an Taschentücher

Aufgrund der historischen Ereignisse, was man direkt zu Beginn, als die Geschichte eigentlich noch sehr lebensbejahend ist bereits, dass man Taschentücher benötigen wird. Wer sich einmal mit der Geschichte des Nationalsozialismus in Bezug zum Antisemitismus beschäftigt hat, der weiß genau, wo diese Geschichte enden kann und vermutlich auch enden muss.

Aufgrund dieser Erwartungen weiß ich schon von vorneherein, dass dieses Buch nicht ist, dass ich mal eben zwischen Tür und Angel in einer kurzen Pause zur Hand nehme. Stattdessen gebe ich diesem Buch die Zeit und den Raum sich zu entfalten und plane für ein solches Buch durchaus auch schon ein ganzes Wochenende ein. Auch das würde ich dir als Leser empfehlen, der meiner Empfehlung folgen möchte.

Hohe Erwartungen? Ja, bitte!

Dieses Buch ist absolut gut lesbar, genial atmosphärisch dicht und emotional, aber eben doch ungeheuer traurig. Ja, ich glaube, dass Melanie Levensohn genau wusste, was sie hier schrieb, dass diesem Buch nicht nur eine ungeheure Recherche sondern auch eine emotionale Verbindung zu Grunde liegt. All das merkt man, selbst wenn man nicht weiß, dass diese Geschichte und ja, sie ist wohl fiktiv, ein reales Vorbild hat. Wer also zuletzt die Zusatzinformation Klappentext liest, und völlig unbedacht in dieses Buch hineinstolpert, merkt dennoch direkt eine emotionale Bindung. Etwas, dass ich der Autorin hoch anrechne und als ein Highlight dieses Buches begreife. Dennoch glaube ich fast, dass dieses Buch noch ein wenig anders ankommt, wenn man es hört.

Dieses Buch gehört zu den wenigen, bei denen ich mir vorstellen kann, die im Rahmen eines Lesekreises zu lesen, einfach um es Kapitel für Kapitel zu lesen, mit Freunden und Bekannten zu besprechen und emotional in dieses Buch einzutauchen.

Über Melanie Levensohn

“Als Melanie Levensohn bei ihrer Hochzeit den Familiennamen ihres Mannes annahm, wurde sie zur Namensvetterin seiner französischen Großcousine, die in Auschwitz ermordet wurde. Deren tragische Lebensgeschichte inspirierte sie zu diesem Roman. Melanie Levensohn lebt mit ihrer Familie auf einem Weingut im kalifornischen Napa Valley.
1970 wurde sie in der Nähe von Frankfurt geboren, studierte Politikwissenschaften und Literatur in Frankreich und Chile und arbeitete später als Pressereferentin für die Weltgesundheitsorganisation in Genf und bei der Weltbank in Washington D.C..”(Fischer Verlage)

Fazit

Emotional dicht, sprachlich gereift und doch nicht überheblich, vor der Kulisse des historischen Paris und des gegenwärtigen Washington, D.C. das alles ist „Zwischen uns ein ganzes Leben“ und damit absolut empfehlenswert. Ich hoffe sehr, dass dieses Buch, das als Roman entwickelt wurde nicht der letzte Roman der Autorin ist, denn ist hier ist nicht nur gelungen, sondern mitreißend. Für diesen Roman kann ich nur eins sagen: Diesen Roman müsst ihr selber lesen!

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