Lesen: Was ist ein Bestseller und was bedeutet dieser Status?

Voraussichtliche Lesezeit: 8 Minuten.

Kürzlich entdeckte ich in einem sozialen Netzwerk eine Diskussion zum Thema Buchkauf und Bestseller. Die Frage war, inwieweit der Status Bestseller die potenziellen Leser zum Kauf eines Buches animiert. Natürlich fand auch ich diese Frage spannend, schließlich hieß es zu begreifen, wonach andere Leser ihre Bücher auswählen. Dabei ist die Frage nach dem Status Bestseller eigentlich keine, die über den Kauf entscheiden sollte. Und dennoch habe ich den Eindruck, dass manche Leser genau danach gehen, was andere Menschen bereits gekauft haben.

Was ist ein Bestseller?

Ein Bestseller sagt aus, dass sich das Buch in der letzten Woche in den Buchhandlungen mit am besten verkauft hat. Jenes Buch, das am meisten verkauft wurde, steht auf Platz 1, das zweite auf Platz 2, das dritte auf Platz 3. Ihr könnt euch selbst ausrechnen, wie es weitergeht. Ermittelt werden diese Daten natürlich vom (deutschen) Buchhandel. Tatsächlich sollte der Verkaufsrang also möglicherweise nicht dazu herangezogen werden, über einen Kauf zu entscheiden. Dennoch gibt es Rankings, die auch die Beliebtheit eines Buches mit angeben. Das Beliebtheitsranking von Amazon beispielsweise kann dazu führen, dass man weitere Bücher findet wie jene, die man bereits gelesen hat und die einem gut gefallen haben. Diese findet man unter “andere Kunden kauften auch”.

Bestseller: Wie oft verkauft man ein Buch, bis es zum Bestseller wird?

Für die Frage, wie oft ein Bestseller verkauft werden muss, ergibt sich zunächst keine Eindeutige Antwort, beziehungsweise kann diese von Woche zu Woche mit einer anderen Zahl beantwortet werden. In den Bestsellerrankings werden auch keine absoluten Zahlen angegeben und auch die prozentuale Bewertung, sprich die Angabe, wie oft man ein Buch verkauft bis es zum Bestseller wird, im Vergleich zu anderen, ist nicht mit aufgeführt. Somit tappt der Buchkäufer über bestimmte Werte eher im Dunkeln und wäre besser damit beraten, einen Blick auf den Inhalt zu werfen, sich stärker an seinen eigenen Interessen zu orientieren oder im Feuilleton oder Online die eine oder andere Rezension zu Rate zu ziehen. Ein Bestseller sagt dabei nämlich nichts darüber aus, ob den anderen Lesern das Buch gefallen hat, genau genommen weiß man noch nicht einmal, ob sie es schon gelesen haben oder wer die anderen Leser überhaupt sind.

Kritik an der Bestsellerliste?

An dieser Stelle muss klar sein, dass ich keine Kritik an der Bestsellerliste übe. Vielmehr müsste ich darauf eingehen, warum es DIE Bestsellerliste nicht gibt. Betrachtet man nämlich die Verkaufsränge der Bücher nach speziellen Kriterien die man festlegen kann, so ergeben sich sehr unterschiedliche Rankings. So müsste es unterschiedliche Bestseller für Frauen geben und natürlich auch Bestseller für Männer. Denn dass Frauen und Männer zumeist unterschiedliche Bücher bevorzugen, erscheint offensichtlich. Gleichzeitig lesen Frauen um die Fünfzig andere Bücher als Frauen um die Dreißig. Somit müsste es spezielle Bestsellerlisten für jede einzelne Zielgruppe geben. Denn die Situation, in der der Mensch gerade steckt, wirkt sich möglicherweise ebenso aus, wie das Geschlecht oder das Alter des Käufers. Für werdende Eltern müsste es also ebenso eine Bestsellerliste geben wie für Paare kurz vor der Hochzeit oder für jene, deren Kinder gerade in die Grundschule kommen. Letztendlich liest ein Berufseinsteiger auch andere Dinge als jemand, der bereits zehn oder fünfzehn Jahre im Beruf steht. Somit müsste es bald heißen, jeweils eine Bestsellerliste für …

  • Frauen
  • Männer
  • Teenager
    • 14-Jährige
    • 16-Jährige
  • Kinder
    • 10-Jährige
    • 11-Jährige
    • 12-Jährige
    • 13-Jährige
  • Junge Erwachsene
  • Senioren
  • Lehrer, Führungskräfte und andere Berufsgruppen

Aber auch hinsichtlich des Themenbezugs könnte sich eine Bestsellerliste orientieren. So gibt es spezielle Listen über den Bestseller auf dem Kindle. Warum gibt es nicht auch Bestsellerlisten für den Urlaub in den Bergen, am Strand oder in der Stadt?

Macht es wirklich Sinn, mit einer allgemeinen Bestsellerliste hinzugehen und den Lesern somit zu suggerieren, “andere Kunden kauften auch”?

Alles eine Frage der Zielgruppe?

Mit den Bestsellerlisten, die es im spezielleren Umfeld, zum Beispiel für Kinder und Jugendliche, gibt, kann man schon etwas mehr anfangen, allerdings auch nur, wenn man darauf achtet, an wen sich ein Buch gerade richtet. So wird ein sechsjähriger Junge in der Regel nichts mit Büchern für zwölfjährige Bücher anfangen können. All dies müsste in den Bestsellerlisten meiner Ansicht nach Berücksichtigung finden.

Datentechnisch wäre diese Vorgehensweise übrigens gar kein Problem, denn ich bin mir sicher, dass diese Daten nahezu automatisiert erfassbar wären, zumindest für den Onlinehandel, wo der Kunde eh mehr über sich preisgibt, als ihm selbst bewusst wird. Ich bin mir sicher, dass der Onlinehandel dabei die Zahlen liefern könnte und der deutsche Buchhandel mit diesen Daten noch sehr viel spezifischer arbeiten könnte als bisher. Dies würde nicht nur dem Buchhandel helfen, wenn diese Daten dazu eingesetzt würden, herauszufinden, welche Zielgruppe welche Bücher kauft. Ich könnte mir vorstellen, dass es hierbei einige Überraschungen gäbe. Hätten dann nicht auch die Autoren einen größeren Erfolg, den einen oder anderen Bestseller zu landen? Natürlich müsste man dann den Wert dieses Erfolges neu festlegen. Denn auch in dieser Variante gäbe es ja Bestsellerlisten, die bedeutender sind als andere.

Welche Bestsellerlisten gibt es überhaupt?

Eine Liste der Bestsellerlisten scheint es nicht zu geben, aber dennoch erscheint es so, dass sich die Bestsellerlisten weniger am Kunden orientieren als am Produkt. So findet man deutliche Unterscheidungen zwischen Belletristik und Sachbüchern, Taschenbüchern und gebundenen Büchern und natürlich auch hinsichtlich der einzelnen Genres, wie zum Beispiel Krimis, Thriller, Kinder- und Jugendliteratur. Darüber hinaus erstellt auch noch jeder Literaturkritiker seine eigene Liste. Diese Vielzahl an Listen, deren Herkunft man nicht immer einschätzen kann, lässt das ganze Ranking zunächst ein wenig unübersichtlich erscheinen. Transparenz müsste hier das Mittel der Wahl sein. Vielleicht wäre es auch denkbar, wirklich über den Kunden zu gehen, der diesen Bestseller gekauft hat.

Empfehlungskultur Online, statt Bestsellerliste im Schaufenster

Tatsächlich bin ich mir sicher, dass diese Daten erhoben werden. Die Empfehlungskultur der Onlineshops weist darauf hin, dass sie eine sehr genaue Vorstellung davon haben, was der Kunde bereits gekauft hat und was dazu passen würde. Somit könnte die Bestsellerliste im Schaufenster einer Buchhandlung demnächst passé sein.

Und was ist mit dem Datenschutz?

Ich gebe es zu, auch ich kaufe gerne beim großen Giganten mit A ein, aber seltener Bücher. Dies hat etwas mit der dortigen Unternehmensphilosophie zu tun, mit der Bezahlung der Mitarbeiter und der Tatsache, dass sie sich dazu aufschwingen, eine Monopolstellung einzunehmen. Darüber hinaus behandeln sie Autoren und Verlage nicht unbedingt mit dem nötigen Respekt. Und dennoch – die Marktführerschaft des großen Giganten mit A ist kaum aufzuhalten. Dies ist in dieser Form nur Online möglich. Der Datenschutz spielt hierbei aktuell scheinbar nur eine untergeordnete Rolle. Doch solange Amazon die Daten seiner Kunden nicht weitergibt oder noch liberaler mit den Daten seiner Kunden umgeht, scheint diesem Konzern bislang nicht beizukommen. Sind unsere Daten uns heutzutage so wenig wert, dass wir sie bereitwillig herausgeben? Aber natürlich, denn die Empfehlungen für die Kunden sind schließlich Gold wert. Allerdings nicht nur für den Kunden, sondern auch für den Handel. Denn je genauer der Handel weiß, wofür sich der Kunde interessiert oder vielmehr interessieren könnte, desto lukrativer kann er ihn auch beraten und seine Bücher verkaufen.

An dieser Stelle möchte ich nicht von einem gläsernen Kunden sprechen, aber tatsächlich ist es verblüffend, wie gut Onlineshops wie Amazon, Zalando und andere Riesen über unsere Einkaufsgewohnheiten informiert sind und diese dazu nutzen uns zu beraten.

Jedem Familienmitglied sein eigenes Nutzerkonto?

Noch viel konkreter wird dies, wenn jedes Familienmitglied in jedem Onlineshop sein eigenes Nutzerkonto besitzt. Denn auf diese Weise erfährt man noch ein wenig mehr. Um seine Daten zu schützen, könnte man selbst sehr kreative Wege gehen. Sich zum Beispiel im Rahmen einer WG ein Nutzerkonto teilen, aber bislang bin ich über diese Art der Lösungen noch nicht gestolpert. Auf diese Weise werden nicht nur unnötig Daten erzeugt, sondern auch völlig unnötiger Verpackungsmüll produziert. Hierbei meine ich nicht nur Pappe, sondern auch Luftpolster, Folie, Klebeband und gegebenenfalls fallen sogar noch Versandkosten an. All das lässt mich an dieser Stelle nach dem Sinn der scheinbar anonymisierten Welt fragen. Ist es heutzutage tatsächlich so, dass man, obwohl in einem Haushalt lebend, nicht auch die Einkäufe gemeinsam erledigen kann? Demnächst hat wahrscheinlich noch jeder Bewohner einen eigenen Kühlschrank. Arme Umwelt, arme Datenlandschaft, armes Deutschland.

Und was hat das jetzt mit der Bestsellerliste zu tun?

Mir scheint es so, als komme die Bestsellerliste noch aus einer Zeit, in der noch gar nicht so viele Daten erhoben wurden. Die Bestsellerlisten gab es lange vor Einführung des Internets für den privaten Haushalt und Hausgebrauch. Somit ist es nicht verwunderlich, dass sich dieses scheinbare Relikt aus alter Zeit zwar als Tradition und Empfehlungsmedium gehalten hat und aus dem Leben aller Leseratten nicht mehr wegzudenken ist. Allerdings erscheint es schon ein wenig angestaubt, denn die wenigsten Nutzer dieser Listen sind sich darüber im Klaren, wie wenig man durch diese Listen heutzutage tatsächlich über die Käufer und die Leser erfährt. Tatsächlich weiß ich bei der Sichtung einer allgemeinen Bestsellerliste nie, ob derjenige, der das Buch gekauft hat, es auch schon gelesen hat und wie es ihm gefällt. Eine Bestsellerliste als Kaufempfehlung zu betrachten ist somit eher spekulativ. Denn bei diesem Kauf wurde nicht herangezogen, zu welchem Anlass ein Buch gekauft wurde, wie häufig es gekauft wurde, welche Bücher der Kunde außerdem noch gekauft hat und ob er es tatsächlich schon gelesen und für gut befunden hat. Stellt sich die Frage: Möchtet ihr wirklich eine Kaufentscheidung auf Basis dessen treffen, was andere gekauft haben?

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    • Marie Lanfermann

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