“Am Tag davor” von Sorj Chalandon

Voraussichtliche Lesezeit: 8 Minuten.

“Am Tag davor” von ist ein Buch, das mich gleich zu Beginn tief bewegt hat. Dennoch ist es kein Buch, das sich leicht lesen lässt. Viel mehr stellt sich das Lesen als schwermütig heraus. Das Gefühl von Melancholie entsteht bei mir als Leserin insbesondere durch den Umstand, dass ich bei diesem Buch ja bereits ahne (oder – sofern ich den Klappentext vorab gelesen habe – weiß), dass ein großes Unglück bevorsteht. Konkreter müsste ich sagen, es steht ein Grubenunglück bevor, das zum Tod von 42 Bergmännern führt. Einer dieser 42 Bergmänner ist wohl auch der 27-jährige Joseph. Sein Bruder Michel – aus dessen Sicht diese fiktive Geschichte erzählt wird – erinnert sich an den Abend vor der Katastrophe. Soweit zur Ausgangssituation des Romans.

Eine Geschichte nach wahren Begebenheiten

Ich bin mir nicht sicher, ob es sinnvoll ist, euch an dieser Stelle zu sagen, dass der Autor selbst als Journalist tätig war, als es zu dem tragischen Grubenunglück kam, welches dieser Geschichte zu Grunde gelegt wird. Er bezieht sich also auf ein tatsächlich existentes Grubenunglück. Trotzdem ist die Geschichte selbst Fiktion, denn vermutlich gab es weder Michel noch seinen Bruder Joseph tatsächlich. Vielleicht ist es auch möglich zu sagen, dass es viele Menschen gab, die Vergleichbares erlebt haben. Deshalb müsste man eher sagen, dass all die Opfer und ihre Angehörigen dazu beitrugen, die handelnden und fühlenden Figuren in dieser Geschichte lebendig werden zu lassen. Obwohl die Figuren natürlich fiktiv sind, hatten sie lebendige Vorbilder, die nach Meinung des Autors unvergessen bleiben sollen. Das macht sie besonders authentisch und nahbar.

Trügerische Erinnerungen

Letztlich basiert alles, was in dieser Geschichte erzählt wird, auf den Erinnerungen des damals 16-jährigen Michel, so dass ich als Leserin das Gefühl habe, hautnah dabei zu sein, während sich das Unglück ereignet und auch in den Stunden davor. Die einzelnen Kapitel tragen jedoch dazu bei, dass sich das Bild, welches der Roman zeichnet, immer weiter verschiebt. Sind wirklich alle Erinnerungen real oder können sie nicht auch trügerisch sein?

Ich möchte an dieser Stelle nicht so viel verraten, nur so viel, Einiges, an das sich Michel erinnert, hat sich anders zugetragen als gedacht. Zahlreiche Wendungen rücken dieses Bild, das Michels Erinnerung zeichnet, gerade. Auf diese Weise erscheint der Roman eher wie das Bild eines Mosaiks, das sich nach und nach mit ein wenig Geduld aus vielen kleinen Steinchen zusammensetzt. Dieser Roman ist eine Hommage an alle verstorbenen Bergmänner, die jemals bei einem Grubenunglück Leben kam, aber ganz besonders für die 42 Männer, die bei dem hier zu Grunde gelegten Grubenunglück ihr Leben ließen.

Mischung aus Fiktion und Realität

Wer dieses Buch liest, wird ein echtes und bleiben Gefühl von Beklemmung erleben, bei dem einem einerseits nach Weinen zu Mute ist, andererseits aber auch das Weinen oder besser die Tränen in den Augen versiegen. Dieses Gefühl wird sich bis zur letzten Seiten am Leser festklammern und ihn auch danach noch einige Zeit zum Innehalten und Nachdenken inspirieren. Dieser Roman ist eine Tragödie oder vielleicht sollte ich besser sagen, er handelt von einer Tragödie. Dabei ist es genau diese Mischung aus Fiktion und Realität, die dazu beiträgt, dass die Erzählung des Romans uns so sehr mitnimmt.

hat einen sehr berührenden Erzählstil, der die Emotionen geschickt einfängt und die Handlung durch Bilder nicht nur erzählt, sondern zeigt. Um euch zu verdeutlichen, was genau ich meine, müsste ich an dieser Stelle eigentlich ein entsprechendes Zitat liefern. Ich verzichte jedoch bewusst darauf und empfehle euch dringend, selbst in die Leseprobe hineinzulesen. Schon von Beginn der ersten Szene an habe ich als Leserin das Gefühl, hautnah dabei gewesen zu sein und alles genauso mitzuerleben, wie Michel es erlebt hat.

Zwei Erzählstränge, der Lebensweg eines Mannes, der von Wut und Hoffnungslosigkeit getrieben wird

Habe ich zunächst das Gefühl in einen Roman über ein Grubenunglück einzutauchen wird die Tragödie noch größer, als klar wird, dass Michel nicht nur mit dem Verlust seines Bruders zu kämpfen hat, sondern Jahre später auch seine Frau Cécile auf tragische Weise verliert. Er beginnt eine Art Rachefeldzug, der sich scheinbar gegen jeden richtet, zuallererst aber gegen ihn selbst.

Dabei ahnt der Leser zunächst nichts von der zerstörerischen Wut, von den Gefühlen der Schuld und der Hoffnungslosigkeit, die ihn antreiben. All das wühlt nicht nur den oder falls man von einer Mehrzahl sprechen möchte, die  tragischen Helden dieser Geschichte auf, sondern auch mich selbst als Leserin dieses Buches. Dieses Buch ist ein Buch, das unheimlich nahe geht, dass sich nicht nur an Grubenfreunde richtet, sondern eigentlich an jeden, der sich mit den Themen Verlust, Schuld und Verantwortung beschäftigen möchte.

Die Wahl der richtigen Worte

Obwohl ich bei dieser Geschichte bereits von einer starken Emotion geschrieben habe, kann ich nicht verleugnen, dass diese Emotion vor allem daher rührt, weil der Autor die einzelnen Aspekte der Geschichte in der Handlung zeigt und nicht etwa aus dem Gefühl heraus, dass er unheimlich viel beschreibt.

Die Geschichte selbst ist unheimlich dicht und hat ein starkes Fundament, das metaphorisch nach dem Leser greift. Die Sprache selbst ist es aber, die diese Geschichte voller Emotion zu einem Feuerwerk werden lässt, dass mich während des Lesens des Romans zunächst immer wieder in Ratlosigkeit stürzt, dann in Verzweiflung und schließlich zu der Frage treibt, ob ich das Handeln des Protagonisten nachvollziehen kann.

Ja, in großen Teilen ist es möglich, dieses Verhalten nachzuvollziehen, denn obwohl der Autor sehr dicht an seinem Erzähler schreibt, erhält er doch im sprachlichen Ausdruck so großen Abstand, dass die Geschichte selbst dadurch noch näher erscheint.

Frei von Werturteilen

Auffällig ist bei der Wahl seiner Sprache auch die Tatsache, dass der Autor selbst keine Wertungen vornimmt. Scheinbar völlig wertfrei und ohne Kommentierungen lässt er den Leser alleine und zwingt ihn dazu, einen Blick auf die Protagonisten zu werfen. Die Wertung der einzelnen Aspekte und der gesamten Geschichte überlässt er dabei jedem einzelnen Leser und kommt so zu einem überraschenden Ende.

Ein ungewöhnlicher Roman mit viel Tiefe und Liebe zum Detail

An dieser Stelle habe ich schon viel über diesen Roman erzählt und sicher könnt ihr den Tiefgang, den diese Geschichte in weiten Teilen nimmt, nachvollziehen. Dennoch möchte ich auf diese Besonderheit und auf die Liebe zum Detail noch einmal zu sprechen kommen, denn dieser Roman ist kein Roman, der als Unterhaltungsroman mal eben gelesen werden kann. Vielmehr ist es ein Roman, der Fragen aufwirft und den Wert und die Wertigkeit des Menschenlebens infrage stellt. Was alles ist in unserem Leben wichtig? Ist es der Profit oder ist es die Tatsache, dass die Menschen, die uns die Wichtigsten sind, glücklich sind?

Eine scheinbar philosophische Frage, die in diesem Roman eine Antwort findet. Gleichwohl geht die Geschichte aber auch auf viele weitere Fragen unseres Lebens ein und zwingt uns dazu, einen Moment innezuhalten und nachzudenken.

Über

, geboren 1952 in Tunis, war viele Jahre lang Journalist bei der Zeitung ›Libération‹ und ist seit 2009 Journalist bei der Wochenzeitung ›Le Canard enchaîné‹. Seine Reportagen über Nordirland und den Prozess gegen Klaus Barbie wurden mit dem Albert-Londres-Preis ausgezeichnet. Auch sein schriftstellerisches Schaffen wurde mit nahezu allen großen französischen Literaturpreisen gewürdigt. Er veröffentlichte zunächst die Romane ›Le petit Bonzi‹ (2005), ›Une promesse‹ (2006, ausgezeichnet mit dem Prix Médicis) und ›Mon traître‹ (2008). ›La légende de nos pères‹ (2009) erschien 2012 als erstes Buch in deutscher Übersetzung u.d.T. ›Die Legende unserer Väter‹. Der folgende Roman ›Retour à Killybegs‹ (2011; dt. ›Rückkehr nach Killybegs‹, 2013) wurde mit dem Grand Prix du roman de l’Académie française 2011 ausgezeichnet und war für den Prix Goncourt 2011 nominiert. Auch der Roman ›Le quatrième mur‹ (2013; dt. ›Die vierte Wand‹, 2015) war für den Prix Goncourt nominiert. Sein semiautobiografischer Roman ›Profession du père‹ (2015; dt. ›Mein fremder Vater‹) wurde mit dem Prix du Style ausgezeichnet.”

Für wen dieses Buch geschrieben wurde

In seiner Widmung gedenkt der Autor den Toten des Grubenunglücks, doch geschrieben wurde dieses Buch für die Lebenden, diejenigen die geblieben sind, die sich stetig der Frage widmen müssen, was in ihrem Leben von Wert ist und Entscheidungen treffen müssen, die entweder zutiefst menschlich sind oder das genaue Gegenteil.

In der deutschsprachigen Bücherlandschaft unterscheidet man die so genannte Unterhaltungsliteratur von der ernsthaften Literatur. Meiner Meinung nach haben wir es hier mit einem klassischen Fall von ernsthafter Literatur zu tun. Bereits zu Beginn schrieb ich, dass dieses Buch schwer zu lesen sei, schwer und melancholisch. In vielen Teilen hat es mich an den Roman “Nachtflug” von Antoine de Saint-Exupéry erinnert. Nicht etwa, weil sich die Geschichten ähneln, sondern weil das Motiv der Autoren so ähnlich zu sein scheint.

An wen richtet sich dieses Buch also? Dieses Buch richtet sich an jene Leser, die gerade ernsthaft auf der Suche nach dem Sinn des Lebens sind, die sich in der leichten unterhaltenden Literatur vielleicht nicht immer gut aufgehoben fühlen. Wer gerade auf der Suche nach etwas Ernsthaftem ist, sollte es auf jeden Fall mit diesem Roman versuchen.

Fazit

Die Frage für wen dieses Buch geschrieben wurde, habe ich an dieser Stelle ja bereits beantwortet. Offen blieb bislang, wie mir dieses Buch gefiel. Nun, ich möchte mich an dieser Stelle kurzfassen, denn alles Wesentliche habe ich bereits vorab geschrieben. Dieses Buch ist sicher das, was man lesenswert nennt und doch ist es aufwühlend wie die See während eines Gewitters. Zunächst ist alles ganz ruhig. Doch dann wird es laut und aufbrausend, bevor es schließlich erneut zur Ruhe kommt. Genau das ist auch mit diesem Buch der Fall. Mir persönlich gefiel es ausgesprochen gut und auch wenn ich mir darüber im Klaren bin, dass dieses Buch nicht für jeden geeignet ist, möchte ich es euch an dieser Stelle wärmstens empfehlen.

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"Am Tag davor" von Sorj Chalandon
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