Rezension: “Nachtwild” von Gin Phillips

Voraussichtliche Lesezeit: 6 Minuten.

“Nachtwild” von Gin Phillips ist ein Spannungsroman der besonderen Art, da er ohne Ermittlungsarbeit auskommt. Eine weitere Besonderheit ist die Zeitspanne der Rahmenhandlung. Die gesamte Geschichte erstreckt sich über wenige Stunden. Auch die geringe Anzahl der Figuren ist ungewöhnlich, denn in den meisten Szenen begleitet der Leser nur Joan und ihren vierjährigen Sohn Lincoln. Wobei die kurzfristigen Perspektivwechsel ebenso ein potentielles Motiv offenbaren.

Klappentext und Inhaltliches

“Es ist ein herrlicher Tag und Joan besucht mit ihrem vierjährigen Sohn Lincoln den Zoo – da hört sie plötzlich Schüsse. Am Ausgang sieht sie Tote auf dem Boden liegen. Sie weiß nicht, ob die Polizei unterwegs ist, ob der oder die Täter noch in der Nähe sind. Als weitere Schüsse fallen, flüchtet sie mit Lincoln in ein leer stehendes Gehege. Das Leben ihres Sohnes hängt jetzt allein von ihr ab und davon, ob sie einen Weg finden wird, sie beide zu retten. Jedes Geräusch, jede Bewegung kann tödlich sein. Sie muss Entscheidungen treffen und Dinge tun, die sie nie für möglich gehalten hätte.” (Klappentext)

Genau genommen verrät schon der Klappentext, dass die Spannung bei diesem Roman stetig und unterschwellig erscheint. Die Angst, die Joan und ihr Sohn empfinden ist zunächst weder physisch noch greifbar. Es sind eher spekulative Ahnungen und Gefühle, die Joan handeln lassen, obwohl sie das Geschehen zunächst nicht einordnen kann.

Urängste einer Mutter

Tatsächlich spielt die Autorin Gin Phillips mit den Urängsten einer Mutter. Was wäre, wenn…? Was wäre, wenn man während eines harmlosen Familienausflug in einen terroristischen Zwischenfall geraten würde? Was wäre wenn das Kind, dein Kind in Gefahr wäre, wie weit würdest du gehen, um es zu schützen? All diese Fragen wirft Gin Phillips in diesem atemlosen Roman auf es sind die Urängste einer Mutter, mit denen sie spielt, und gleichzeitig ist es ein verdammt perfides Spiel mit dem Leser, denn natürlich muss man sich fragen, wie man selbst in Joans Situation wäre?

Dieses Gedankenspiel ist insbesondere deshalb perfide, weil man nur so von einer Seite zur nächsten fliegt und das obwohl ein Handlung eigentlich wenig passiert. Vielmehr sind es die Abwägungen, die Gedanken und ja die Entscheidungen einer Mutter, die dieses Buch spannend machen.

Es ist das Gedankenspiel im Kopf des Lesers, der dieses Buch so besonders erscheinen lässt. Gleichzeitig greift die Autorin jedoch noch eine weitere Urangst eines jeden Menschen auf und nicht nur jene Angst einer Mutter, ihre Kinder nicht schützen zu können.

Damit wird es nicht nur zu einem für Mütter, sondern auch für Alleinstehende, ohne Familie. Das Gedankenspiel ist dabei jedoch nicht minder gering, aber vielleicht weniger drastisch. Was würdest du selbst tun, um mein Leben zu retten?

Terror als Thema

Wir lesen und wir hören und wir sehen es regelmäßig in den Medien, wenn es wieder einen Zwischenfall gab, möglicherweise sogar einen Terrorverdacht, dann berichten die Medien meist sogar mit Sondersendungen und berichten über das Geschehen. Natürlich wecken diese Berichte Emotionen. Emotionen, die jeden dazu motivieren, sich selbst zu fragen, wie er in dieser oder einer vergleichbaren Situation handeln würde.

Genau weil auch hier das Gedankenspiel greift, bietet die Angst vor dem Terror auch in Romanen und fiktiven Wirklichkeiten (also beispielsweise in Filmen oder Computerspielen) eine Menge Potenzial.

Das Spiel mit der Angst

Auch hier ist es eigentlich ein unterhaltsamer Form mit den menschlichen Ängsten zu spielen. Man sagt, dass ein gutes Buch einen Menschen auf bestimmte Situationen vorbereitet. Aber genau das ist auch der Grund, warum ich skeptisch bin.

Kann ein Buch einen wirklich auf eine solche Situation vorbereiten? Nein, ich denke, in dieser Situation wären wir alle viel zu sehr mit unseren eigenen Ängsten und Emotionen beschäftigt, als daran zu denken, was wir in einem Buch einmal gelesen haben. Ist der spielerische Umgang mit Angst also eine Variante, die zu Unterhaltung beiträgt? Nun, wenn man sich anguckt, wie gut sich Krimis und Thriller verkaufen, dann könnte man es fast mutmaßen, aber was möchten wir eigentlich tatsächlich erreichen, wenn wir einen Krimi oder Thriller lesen?

Beim Lesen eines Thrillers versetzen wir uns in die Situation eines Protagonisten, der gerade in einer Gefahr schwebt. Es ist jedoch nicht so, dass wir die Situation tatsächlich so erleben, als wäre sie real, das mag möglicherweise 5,10 oder 15 Jahren anders erscheinen. Virtual Reality und dergleichen machen es möglich. Allerdings lässt mich genau dieser Aspekt darüber nachdenken, ob das Buch – und das ist selten – nicht als Film sogar noch spannender wäre.

Thriller ein Verkaufsargument

Ich persönlich bin mir nicht sicher, ob ich den Roman wirklich als einen Thriller bezeichnen würde, denn obwohl spannend und mit Gefahr doch nicht unbedingt das Verbrechen, das hier im Mittelpunkt steht. Viel mehr erschien es mir so, als sei das Verbrechen der Anlass und der Beginn einer Geschichte, die voller Emotionen ist.

Aus diesem Grund habe ich auch hier, in dieser Rezension, stellvertretend dem Begriff des spannungsgeladenen Romans gewählt, denn für mich zeichnet sich ein Thriller nicht nur durch den Spannungsbogen aus, der in diesem Roman vorhanden ist.

Aber ein Thriller der Weg auch noch die Erwartung an einen echten Gegner, einen Feind oder einen Angreifer, der in diesem Roman erst mal nur erahnen anbei ist. Handelt es sich also wirklich um einen Thriller? Oder nicht eher um einen spannungsgeladenen Roman?

Übersetzt man den Begriff des Thrillers aus dem englischen, als spannungsgeladenen Roman, so fällt auf, dass die Begriffe eigentlich identisch sind und dennoch werden hierzulande unterschiedliche Erwartungshaltungen geweckt. Denn das Genre ist zumeist nur in einem einzigen Wort definiert und ein Thriller ist ja nun mal nicht unbedingt ein Roman. Warum schreibt man also “Thriller” auf das Cover eines “spannungsgeladenen Roman”?

Nun, die Antwort habe ich euch eigentlich schon gegeben, ein Thriller deckt bestimmte Erwartungen ab, werden diese jedoch nur bedingt oder ansatzweise erfüllt, macht genau diese Einstufung ist dem Leser schwer, dieses Buch tatsächlich dem Genre zuzuordnen.

Ein paar Worte zum Stil

Stilistisch betrachtet ist dieses Buch wahrlich einfach und leicht zu lesen. Es als leichtfüßig zu beschreiben, ist dennoch schwierig, denn gerade auf der emotionalen Ebene hat Gin Phillips die Perfektion tatsächlich einen Leser in jedem Moment abzuholen und in die Geschichte hinein zu ziehen, durch ihre scheinbare Live Berichterstattung wird die Spannung gegenüber der Emotion zwar ein wenig zurück gestellt, aber sie ist unterschwellig und somit nicht nur temporär allgegenwärtig. Genau aus diesem Grund macht dieser Thriller auch wenn er untypisch ist, süchtig. Nimmt man ihn einmal zur Hand, möchte man ihn so schnell nicht wieder zu Seite legen.

Über die Autorin

“Gin Phillips, geboren in Montgomery, Alabama, studierte politischen Journalismus und arbeitete als Freelancer für verschiedene Magazine. Nach Stationen in Irland, Thailand, New York und Washington, D.C., lebt sie heute mit Mann, Kindern und Hund in Birmingham, Alabama.” (DTV über Gin Phillips)

Fazit

Zugegebenermaßen, dieses Buch löst eine Form von Zerrissenheit in mir aus, denn obwohl es für einen Thriller ein wenig ungewöhnlich ist, ist es spannend und obwohl ganz anders als erwartet, ließ es sich gut lesen.

Tatsächlich wurde ich auch mitgerissen und dennoch vermisse ich etwas, ohne sagen zu können, dass mir etwas wirklich fehlt. Gemeint ist hier ein klassisches Element des Thrillers, ich vermisse die plastische Darstellung von Gefahr. Sie kam erst im Verlauf der Geschichte auf, an einer Stelle, wo ich schon fast nicht mehr damit gerechnet hätte.

Klar, Emotion von Joan und Lincoln stehen im Vordergrund, die Handlung erscheint eher nebensächlich. Ja, möglicherweise lässt sich bei diesem Buch etwas feststellen, nämlich, dass auch die Bedeutung des Genres eigentlich geringer wird. Etwas Klassischeres wäre dennoch schön gewesen.

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"Nachtwild" von Gin Phillips
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