Fünf Besonderheiten des klassischen Romans

Voraussichtliche Lesezeit: 6 Minuten.

Ich selbst habe vor einiger Zeit wieder damit angefangen, klassische Romane zu lesen und zu hören. Bei einigen fiel mir dies leichter als bei anderen. So liebäugelte ich damit, im Herbst den “Glöckner von Notre-Dame” lesen zu wollen. Eine Idee, die durch den Brand von Notre-Dame vorgezogen werden musste. “Der Glöckner von Notre-Dame” ist dabei eines jener klassischen Werke, bei denen mir der Einstieg schwer fiel. Dabei war die Geschichte selbst keinesfalls uninteressant, aber der Stil und die Sprache in dem der Roman erzählt wird, sind ganz anders. Aus diesem Grund komme ich nun auf die Idee, euch einmal die fünf Besonderheiten des klassischen Romans vorzustellen.

1. Es gibt keine zeitlose Sprache

Betrachtet man die Sprache im klassischen Roman, so fällt zunächst auf, dass es hierbei einige Unterschiede gibt. Die Sprache selbst entspricht nicht der gegenwärtigen Sprache. Häufig sind die ausgewählten Wörter nicht mehr zeitgemäß. Trotzdem ist das Werk dann keinesfalls schlecht, nur längst nicht mehr so einfach zu lesen, wie zu der Zeit für die es geschrieben wurde. Dies liegt daran, dass unsere heutige Sprache wie auch die damalige Sprache durch die Zeit geprägt wurde, in der man sie verwendete. Genau das macht aber heute auch den klassischen Roman aus.

Bei klassischen Werken kommt es dann auch noch vor, dass man, je nachdem welche Ausgabe man erwischt, Wörter vorfindet, die in jener Zeit ganz anders geschrieben wurden als heute oder eine ganz andere Bedeutung hatten. Dies fiel mir beim „Glöckner von Notre-Dame“ sehr deutlich auf, da ich ihn mir zunächst in einer E-Book-Version für den Kindle holte. Leider in einer Version, die sprachlich nicht an die aktuellen Gegebenheiten angepasst wurde und auch nicht kommentiert war. Die Version des Fischer Verlags ist für mich persönlich eine echte Wohltat, da diese kommentiert ist und sprachlich unserer heutigen Schreibweise nah kommt.

2. Es gibt mehr als eine Version

Macht eine gut ausgewählte Version das Leben also leichter? Ja, denn obwohl es keine zeitlose Sprache gibt, ist es mit einer kommentierten Version sehr viel leichter einer Geschichte zu folgen, die aus einer anderen Zeit kommt. So fühlte sich die vom Fischer Verlag jetzt an, als hätte ich eine Zeitreise unternommen, aber einen Dolmetscher dabei, der mir hilft, mich zu verständigen.

Obwohl das Lesen natürlich trotzdem seine Zeit fordert, habe ich so den Eindruck, zumindest zu verstehen, was mir die Geschichte genau sagen will. Wer also wie ich die Idee haben sollte, mal wieder das ein oder andere klassische Werk zu lesen, der sollte sich zuvor die unterschiedlichsten Versionen des Buches anschauen. Manchmal könnte man für den Einstieg sogar auf die Idee kommen, eine Jugendausgabe zu wählen. Nicht etwa, wenn man selbst jugendlich ist, sondern, weil auch diese Art des s der originalen Geschichte entspricht aber den Zugang deutlich erleichtert.

Ich selbst hatte Deutsch als eine der Abiturfächer und sogar immer im Studium als Nebenfach, dennoch behaupte ich nicht, mich in allen Epochen gleichermaßen gut auszukennen. Aus dem Grund freue ich mich immer, wenn es zusätzlich noch die Möglichkeit gibt, sich zum Beispiel einen Lektüreschlüssel aus der Bibliothek zu holen oder ich, wie im Fall von Heinrich Heines “Harzreise“, die Möglichkeit bekomme, mich über Sekundärliteratur in die damalige Zeit einzudenken und mit anderen auszutauschen.

3. Jeder ist ein Abbild seiner Zeit

Betrachtet man einen neuen , den man zur Hand nimmt, sollte man sich zunächst fragen, in welcher Zeit der Autor gelebt hat. Auf diese Weise kommt man zu zwei verschiedenen Besonderheiten des s. Zum einen kann es spezielle Ereignisse geben, die sich in der Zeit zugetragen haben, die uns als Leser heutzutage vielleicht gar nicht mehr so geläufig sind. Im Fall von Heinrich Heines “Harzreise” beispielsweise der Aspekt mit dem Duellieren. Zum anderen gab es aber auch Zeiten, in denen die Autoren nicht frei von der Leber weg schreiben durften, was sie wollten. Die Bücher wurden einer Zensur unterworfen. Viele Autoren der damaligen Zeit waren aus diesem Grunde besonders stark, wenn es darum ging, Metaphern für etwas zu finden. Diese wurden zwar von vielen damaligen Lesern verstanden, entsprechen aber nicht mehr wirklich dem, was wir heute an bildhafter Sprache anwenden. Es war jedoch eine ganz wichtige Möglichkeit, sich scheinbar unbefangen äußern zu dürfen, denn selbst wenn man aufflog, konnte man immer noch sagen, das Gegenüber habe es falsch verstanden. Trotzdem wurden in der Vergangenheit häufig aus unterschiedlichen Gründen Bücher verbrannt oder verboten.

Aus diesem Grund kann es hilfreich sein, sich zum einen mit den historischen Ereignissen jener Zeit, in der der Roman spielt, zu beschäftigen, aber auch noch einmal die stilistischen und rhetorischen Mittel erneut kennen zu lernen.

Mir persönlich ist mittlerweile auch bewusst, warum diese Bücher heutzutage häufig in der Schule gelesen werden und danach nicht mehr. Der Grund hierfür liegt vermutlich daran, dass alle Aspekte innerhalb einer großen Gruppe besprochen werden können. Die Gruppe stellt dabei eine Art Lesehilfe dar. Möglicherweise bietet es sich also an, einen nur dann zu lesen, wenn man auch einige Freunde von der Idee begeistern kann. Lese ich also einen am besten nur in passender Gesellschaft? Nun, das ist Geschmackssache!

4. Einen klassischen Roman kann man immer und immer wieder lesen und entdeckt stets noch etwas Neues

Aufgrund der zahlreichen sprachlichen Besonderheiten und der Bilder, kann man einen klassischen Roman auch mehrmals lesen und wird ihn dabei doch immer wieder aufs Neue kennen lernen. Jede einzelne Aussage kann so oder so interpretiert werden, wenn sie metaphorisch ist. Je mehr man über einen Autor weiß, desto eher kann man auch biografische Aspekte des Autors und seines Lebens in eine Geschichte hinein lesen. All das hat sich bei den heutigen Büchern in den wenigsten Fällen bei mir so dargestellt. Lese ich einen aufmerksam vor dem Hintergrund seiner Zeit, so erfahre ich mehr, als wenn ich mich noch nicht in die Epoche eingearbeitet habe. Somit bietet der für mich immer wieder die eine oder andere Überraschung.

5. Der klassische Roman braucht Zeit und ist doch zeitlos

Es ist für viele Leser etwas zeitaufwendiger, sich erst einmal in die ungewohnte Sprache und die einzelnen metaphorischen Elemente einzuarbeiten, aus diesem Grund kann man nicht sagen, dass man ein Buch nach soundso vielen Stunden durch hat. Denn die Art und Weise, wie das Buch sich darstellt, kann sich völlig von dem unterscheiden, was man über ein heute erschienenes Buch sagt. Ich meine damit nicht unbedingt Bücher, die in klassischem Mittelhochdeutsch geschrieben wurden, oftmals reicht es einfach ein Buch zu nehmen, das vielleicht 70 Jahre alt ist. Diese Art Bücher haben nämlich einen ganz anderen Anspruch an ihre Leser. Sie als anspruchsvoll zu bezeichnen, mag in der heutigen Zeit stimmen, sprachlich waren sie aber in der damaligen Zeit sowieso schon deshalb anspruchsvoll, weil man sie lesen musste.

Warum bezeichne ich ein Buch, das in seiner Zeit behaftet ist, als ein zeitloses Werk? Über diese Frage habe ich selbst einige Zeit nachgedacht, bevor ich diese Behauptung hier in den Raum stellte. Nun, tatsächlich muss man sagen, dass viele klassische Romane sich mit Themen beschäftigen, die damals wie heute eine gewisse Brisanz hatten oder nach wie vor aktuell sind. Bei fast allem was man heute liest hat man den Eindruck, es früher schon einmal gelesen zu haben. Einen wirklich komplett neuen Plot scheint es heute nur noch in den seltensten Fällen zu geben. Gleichzeitig entwickeln sich aus altbekannten Geschichten immer wieder neue Sichtweisen und Handlungen.

Warum ich diese fünf Besonderheiten darstelle

Mir persönlich hilft dieses Wissen um diese fünf Besonderheiten dabei, einen Roman korrekt in seiner Zeit zu verankern, in seinem Herkunftsland zu verorten und mit den Augen seines Autoren zu betrachten, in dem ich mir die Biografie anschaue. Ja, denn all diese Sachen prägten und prägen damals wie heute gute Geschichten.

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