„Das Damengambit“ von Walter Tevis

“Das Damengambit” von Walter Tevis
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„Das Damengambit“ von Walter Tevis ist ein Roman über den Aufstieg eines Waisenmädchens, das in den Olymp der Schachwelt aufsteigt. Es handelt sich hierbei um ein fiktives Drama, das in den 50er Jahren spielt.

Da ich über die Netflix-Serie bereits einiges gehört hatte, wurde ich neugierig, als ich durch Zufall die Romanvorlage entdeckte. Ich selbst habe vor rund 20 Jahren angefangen, Schach zu spielen. Als Hobby und bei Weitem nicht so engagiert und wettbewerbsorientiert, wie Elisabeth Harmon, die von allen nur Beth genannt wird, dafür jedoch um einiges gesünder.

Tatsächlich schockierte mich dieses Buch ein wenig, als ich in die Geschichte einstieg, denn Beth, ein Waisenmädchen, das nicht einmal die Pubertät erreicht hatte, stellte sich von Anfang an als medikamentenabhängig heraus. Konkret geht es um die Abhängigkeit von Beruhigungsmitteln. Diese Abhängigkeit zieht sich ebenso wie Beth‘ Leidenschaft für Schach durch die gesamte Geschichte.

„Das Damengambit“ von Walter Tevis: Vom Erkennen einer Leidenschaft

Als Beth in das Heim für Kinder- und Jugendfürsorge kommt, stellt sie für sich schnell und fast emotionslos fest, dass dies kein Ort zum Wohlfühlen ist. Vielmehr scheint es darum zu gehen, die Kinder irgendwo verwahrt zu wissen, anstatt sie tatsächlich fördern.

Es gibt einen geregelten Tagesablauf. Morgens Frühstück mit Medikamentenausgabe, der Besuch der Schule, Mittagessen, schließlich Abendessen und natürlich der regelmäßige Besuch des Gottesdienstes.

Auf diese Weise wird es Beth sehr schwer gemacht, überhaupt eine echte Identität zu entwickeln, denn die Achtjährige war eigentlich viel zu jung, um ihre beiden Elternteile zu verlieren, der Selbstfindungsprozess nicht einmal ansatzweise abgeschlossen.

Als sich schließlich der Hausmeister ihrer annimmt, ist dies für Beth eine Offenbarung. Zwar spricht er nicht viel, aber er spielt ein Spiel mit 16 weißen und 16 schwarzen Figuren, das offenbar auf Regeln basiert. Beth bittet ihn, ihr dieses Spiel beizubringen und bekommt so einen ersten Zugang zum Schach.

Nach einigen Wochen beherrscht sie die Regeln und wird im Laufe der Zeit ein ernst zunehmender Gegner für den Hausmeister. Als sie kurze Zeit später dann sogar besser spielt als er, zieht er einen Bekannten hinzu, der ebenfalls erfolglos gegen die Schülerin antritt.

„Das Damengambit“ von Walter Tevis: Der Besuch im Schach Club

Wieder verging einige Zeit, doch dann schaffte es ein Bekannter des Hausmeisters, dass Beth einen Ausflug machen durfte. Ihr Ziel: der örtliche Schachclub. Hier spielt sie erstmals gegen mehrere Gegner und gewinnt diese Spiele ebenfalls mühelos. Für das Mädchen ist diese Erkenntnis nicht wirklich bahnbrechend, aber doch bedeutet ihr Schach alles.

Als sie wenig später von der Direktorin bestraft werden soll, weil sie sich nicht an die Regeln gehalten hat, zielt diese natürlich auf das Schachspielen ab. Allerdings weiß sie nicht, dass Elisabeth Harmon mittlerweile hauptsächlich im Kopf spielt, das kann ihr niemand verbieten. Die Gedanken sind frei.

So schafft sie es, an einem für sie mehr als langweiligen Unterricht teilzuhaben, ist weiterhin ohne viel Aufwand Klassenbeste und dennoch ist sie das, was man heutzutage wohl als ein Problemkind bezeichnen würde, denn obwohl die Gabe von Medikamenten mittlerweile staatlich verboten wurde, versucht sie weiterhin, an die Beruhigungsmittels heranzukommen, was schließlich auch der Grund dafür ist, warum man ihr das Schachspielen und die Besuche beim Hausmeister verbietet.

„Das Damengambit“ von Walter Tevis: Die Adoption

Als Beth wenig später von einem ungewöhnlichen, älteren Ehepaar aufgenommen wird, ändert sich die Stimmung des Buches nur wenig. Das Paar hatte offenbar über längere Zeit versucht, ein Kind zu bekommen. Mittlerweile scheinen sie resigniert zu haben. Die Stimmung ist einer Tristesse gewichen und ein herzlicher Umgang zwischen den Eheleuten ist auch nicht zu erkennen.

Vielmehr wirkt es so als würden die beiden ein Leben nebeneinander führen, in das Beth nun ohne großes Aufsehen integriert werden soll. Von ihrer Pflegemutter auf ihre Interessen angesprochen, erzählt Beth vom Schachspielen, stößt zunächst auf Unverständnis und wird doch nicht länger daran gehindert.

„Das Damengambit“ von Walter Tevis: Die großen Turniere

Das Unverständnis wandelt sich in stetig wachsendes Interesse, als Beth die ersten Turniere gewinnt und so erstes eigenes Geld verdient. Von der Aussicht auf das große Geld elektrisiert, beginnt die Pflegemutter damit, Beth zu managen. Sie will Beth bis ganz nach oben bringen, auf den Olymp des Schachs.

Beth trainiert von nun an fast den ganzen Tag, wird besser und besser, aber nicht unschlagbar, auch wenn dies zunächst so wirkt, da sie jedes Turnier stets als Siegerin verlässt. Dass man auch das Verlieren und den Verlust erst lernen muss, lernt Beth erst nach dem Tod ihrer Pflegemutter.

„Das Damengambit“ von Walter Tevis: Ein Roman mit Anspruch

Ein Roman mit Anspruch liegt mir mit „Das Damengambit“ von Walter Tevis auf jeden Fall vor. Die in diesem ungewöhnlichen Roman erzählte Geschichte ist zwar dramatisch und düster, allerdings keinesfalls monoton. Als Leserin erlebte ich Beth und ihre Entwicklung hautnah mit.

Trotz dieser gefühlten Nähe erschien mir dieser Roman weniger emotional als ich dieses erwartet hätte. Tatsächlich ist die reservierte Art, mit der Beth durch ihr Leben geht, zum Teil auch ihrem Konsum von Betäubungsmitteln geschuldet. Auffallend ist aber auch, dass Beth einen Gegensatz zum Frauenbild der 50er Jahre darstellt.

Sie erscheint in ihrem Auftreten eher wie eine Frau, die die klassischen Rollenbilder zu Fall bringen könnte, dringt sie doch in eher von Männern dominierte Bereiche vor.

„Das Damengambit“ von Walter Tevis: Figuren mit Tiefgang

Dass es sich hierbei um Figuren mit einer Vorgeschichte handelt, dürfte anhand dessen, was ich euch bisher über diesen Roman erzählt habe, deutlich geworden sein. Die Vielschichtigkeit der Figuren steht im starken Gegensatz zu dem, was ihre Empathie angeht, denn meinem Gefühl nach kommt die Empathie auf der Beziehungsebenen zwischen den Figuren häufig zu kurz.

Fragt man mich, ob ich diese Geschichte empfehlen kann, so kann ich euch dies uneingeschränkt zusagen, was allerdings die Figuren angeht, so kann ich sagen, dass man sich eben nicht unbedingt mit ihnen identifizieren kann. Bedeutet dies nun aber, dass die Geschichte als solche nicht ganz dem entsprach, was ich erwartet hatte?

Genau genommen bedeutet dies, dass was ich bereits sagte, man kann sich mit den Figuren nicht unbedingt identifizieren, sondern vielmehr durch das Betrachten ihrer Handlungen Rückschlüsse ziehen. Auf der Beziehungsebenen und im stetigen Miteinander ihre Handlungen ergibt sich aber auch noch etwas anderes.

„Das Damengambit“ von Walter Tevis: Pure Gesellschaftskritik

Betrachtet man diese Beziehungsebenen und die Figuren jedoch auf einer anderen Ebene, so fällt auf, dass dieser Roman vor allem eines ist: eine klassische Gesellschaftskritik.

Somit kann man wohl sagen, dass diese Geschichte in gewisser Weise „Shitshow“ von Richard Russo ähnelt, auch wenn natürlich eine andere Zeit betrachtet wird. Der Roman betrachtet nämlich eigentlich die amerikanische Gesellschaft von 1950 und ihre Entwicklung.

Gleichzeitig muss man sagen, dass sich die beiden Gesellschaftskritiken grundlegend in ihrer Stilistik voneinander unterscheiden. Dies hat etwas mit der Art zu tun, wie beide Romane geschrieben sind. Der eine möchte unterhalten, der andere besitzt eher einen ernsteren Charakter.

Dass bei „Das Damengambit“ insbesondere das Frauenbild der damaligen Zeit hinterfragt wird, liegt sicherlich an dem scheinbar rebellischen Auftreten einer Figur wie Beth, die sich einfach nicht mit dem zufrieden geben möchte, was in ihrer Zeit möglich war und für Frauen ihrer Zeit als angemessen galt.

Dieses Anzweifeln von Autoritäten und Rollenvorgaben lässt mich überlegen, ob sie, die als Waise in einem Waisenhaus aufgewachsen ist, in dem sie mehr verwahrt als gefördert wurde, überhaupt etwas wie ein Vorbild besitzt. Auch dieser Aspekt macht den Roman für mich also durchaus interessant.

„Das Damengambit“ von Walter Tevis: Wiederkehrend Verbindungen zum Schach

Wer sich nun fragt, warum dieser Roman ausgerechnet „Das Damengambit“ heißt, der merkt schnell, dass all diese Verbindungen letztendlich dadurch entstehen, dass Beth als Schachspielerin in eine Männerdomäne einzudringen scheint.

Mit ihrem Streben nach Erfolg in diesem Bereich rebelliert sie also gegen alles, was ihr vorgegeben wird. Das Rollenvorbild ihrer Zeit wird somit nicht nur stetig hinterfragt, sondern auch in die Handlung gekonnt mit eingebaut, letztlich ähneln viele Szenen einander, sodass man feststellen muss, dass dieser Roman bei aller Tiefe auch eine gewisse turnusartige Wiederholung besitzt.

Dies entsteht insbesondere zu jener Zeit, als Beth mit ihrer Mutter zu den Turnieren fährt. Denn auch wenn jedes Turnier ein wenig anders ist, dürften jene Szenen wohl eher interessant für all jene sein, die selbst Schachspielen.

„Das Damengambit“ von Walter Tevis: Eine Frage der Stilistik?

Die Sprache erscheint auf den ersten Blick etwas veraltet. Beachtet man aber, dass das Buch in seiner ursprünglichen, englischen Fassung aus dem Jahr 1983 stammt, ist dieser Stil der Zeit zu verdanken, in der dieser überaus ungewöhnliche Roman entstanden ist.

Die Tatsache, dass es bei diesem Roman um Schach geht und er in den fünfziger Jahren spielt, lässt die Handlung selbst für mich als Leserin dieser Gesellschaftskritik zeitlos erscheinen.

Die Art, wie Beth gegen die Rollenvorbilder rebelliert, ist eher eine leise Rebellion, denn eine laute. Die Tatsache, dass die regelmäßigen Schlaftabletten und anderen Betäubungsmittel dazu beitragen, ihre Emotionen zu unterdrücken, wird auch stilistisch aufgegriffen. So habe ich als Leserin stets das Gefühl, mittendrin zu sein und trotzdem nur wenige Emotionen zu spüren.

Dabei ist die Geschichte gar nicht aus der Perspektive von Beth erzählt worden, sondern in einer personalen Erzählform. Auf diese Weise erleben wir lediglich Beth‘ Handlungen mit. In manchen Bereichen überschreitet der personale Erzähler aber seine Erzählform und erscheint allwissend.

Möglicherweise ergibt sich diese emotionsarme Erzählform also aus einer Mischung aus ganz unterschiedlichen Aspekten. Wahrscheinlich möchte der Autor uns als Leserinnen und Leser mit dieser Form der Erzählung in Beth‘ Lage hinein versetzen.

Durch den ständigen Einsatz von Beruhigungsmitteln erlebt sie ihre Welt wie durch einen Schleier, Nebel oder als wäre sie von Watte umgeben.

„Das Damengambit“ von Walter Tevis: Ein unerwarteter Hype

Wie kann es also sein, dass ein Buch aus den 80er Jahren plötzlich wieder im Trend liegt? Ursächlich hierfür scheint eine Serienadaption zu sein, die für Netflix umgesetzt wurde. Ich selbst habe diese Serie bislang noch nicht gesehen, wurde aber neugierig, als mir von dieser Serie erzählt wurde.

Nachdem ich schließlich den Roman entdeckte, auf dem diese Serie basiert, entschied ich mich spontan, lieber das Buch zu lesen. Aktuell kann ich euch allerdings noch nicht sagen, inwieweit sich die filmische Umsetzung als Serie vom ursprünglichen Roman entfernt hat.

Tatsächlich habe ich mir sagen lassen, dass die Unterschiede zwischen beiden Versionen nicht allzu groß sind, ein wesentlicher Unterschied dürfte aber sein, dass der Roman das Innenleben und die Minderwertigkeitsgefühle von Beth Harmon aufgreift.

Dass es allerdings einige Unterschiede geben muss, steht für mich außer Frage. Vielleicht könnt ihr mir mal sagen, wie euch die Serie bei Netflix gefällt.

Über den Autor Walter Tevis

„Walter Tevis (1928–1984) studierte nach seinem Militärdienst im Zweiten Weltkrieg Literatur an der University of Kentucky und arbeitete lange Jahre als Lehrer und Universitätsdozent, ehe er freier Schriftsteller wurde.

Er ist der Autor von sechs Romanen, von denen mehrere hochkarätig verfilmt wurden (›Die Haie der Großstadt‹ mit Paul Newman, ›Die Farbe des Geldes‹ mit Tom Cruise, ›Der Mann, der vom Himmel fiel‹ mit David Bowie). Nach dem weltweiten Erfolg der Netflix-Serie ›Das Damengambit‹ mit Anya Taylor-Joy wird sein Werk wiederentdeckt.“ (Diogenes)

Fazit zu „Das Damengambit“ von Walter Tevis

Mit großer Sicherheit kann ich sagen, dass „Das Damengambit“ von Walter Tevis ein überaus überraschendes Buch ist. Der Roman verbindet die Probleme der Gesellschaft in den 50er Jahren, mit einem heute scheinbar überholten Frauenbild und eben der Leidenschaft für das Spiel der Könige.

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