“Rheinblick” von Brigitte Glaser

Voraussichtliche Lesezeit: 8 Minuten.

“Rheinblick” von ist eine besondere Geschichte, die man zunächst nicht so recht einordnen kann. Die Geschichte spielt im Bonner Regierungsumfeld des Jahres 1972 und als Leser oder Hörer dieser Geschichte man kann nicht genau sagen, welche Teile der Geschichte nun der Realität und welche der Fiktion entsprungen sind – zumindest nicht ohne eigene Recherchen angestellt zu haben. Tatsächlich fällt es darüber hinaus schon schwer, diese Geschichte eindeutig einem Genre zuzuordnen. Handelt es sich um einen zeitgenössischen Roman? Mit Sicherheit. Um eine Gesellschaftskritik? Auf jeden Fall. Um einen Krimi? In vielen Teilen, ja. Wer genauer sucht, kann sogar den einen oder anderen Beziehungsroman in die Geschichte hinein lesen, nicht nur auf dem Niveau eines Liebesromans, dann auch im Bereich des zwischenmenschlichen Umgangs innerhalb der Politik.

Besonderheit in der Vielfältigkeit

Es ist die Vielseitigkeit, die diesen Roman so besonders macht. Fast schon kann man den Eindruck haben, dass selbst bei so manch einer Intrige mit am Tisch gesessen haben könnte, doch so ganz kann ich mir das natürlich nicht vorstellen, vielmehr glaube ich, dass dieser politische Spannungsroman mit Gesellschaftsbezug – ähnlich wie auch schon bei „Bühlerhöhe“ zuvor – eine meisterhafte Recherche voraussetzte.

Worum geht es bei “Rheinblick”?

Hilde Kessel ist die Wirtin und die gute Seele des Rheinblicks, eines Bonner Lokals, in dem sich die Politiker, aber auch Journalisten die Türklinke in die Hand geben. Bei Hilde kann offen gesprochen werden, sie verrät nichts. Darauf ist Hilde stolz. Doch an diesen Tagen kurz nach der Wahl im November 1972 überschlagen sich die Ereignisse. Nicht nur ist Kanzler Willy Brandt am Wahlabend verstummt und musste sich einer OP unterziehen, auch die ein oder andere Intrige bahnt sich an und droht nicht nur das Image dieses bekannten Treffpunkts zu zerstören. Während Hilde besagtes Limit versucht zu retten, kämpft Sonja, eine junge Krankenschwester und Logopädin um die Stimme des Kanzlers. All das findet zeitgleich statt und dann wird auch noch ein junges Mädchen, eine Prostituierte, so scheint es, tot aufgefunden. Ermordet. Die Ereignisse überschlagen sich also und nicht nur in Sonjas WG geht es heiß her.

Ich möchte euch an dieser Stelle keinesfalls zu viel verraten, deshalb halte ich diese Inhaltsangabe so kurz und pointiert, wie es irgendwie geht. Dennoch kann ich sagen, dass sich die Ereignisse, die sich zunächst als unabhängig voneinander darstellen, im Verlauf der Geschichte immer weiter miteinander verweben. Im Bonner Rheinblick kennt jeder jeden, so scheint es und jeder ist entweder Freund oder Feind oder eine Art Doppelagent.

Eine Vielzahl von Figuren

Auch diese Elemente, die sich aus der Beziehungsebenen der einzelnen Figuren zueinander ergeben, machen diesen Roman so besonders, denn zu Beginn erscheinen die ganzen Figuren ein wenig unübersichtlich. Wer hat jetzt mit wem wie Kontakt, wer kennt wen nicht? All das muss zu Beginn ein wenig sortiert werden. Ich bin nicht sicher, ob es bei dem Buch zu dieser Geschichte eine Art Schaubild, in dem die einzelnen Figuren und ihre jeweiligen Beziehungen zueinander (gemeint sind hierbei nicht nur Liebesbeziehungen) darstellen. Dies hätte mir aber in Bezug auf das Hörbuch den Einstieg erleichtert. Deshalb brauchte ich einen Moment um mich wirklich auf die Geschichte einzulassen, die mich gleichwohl in ihren Bann zog.

Ein Spannungsgeflecht ohne doppelten Boden

Durch die drei Handlungsstränge, die zunächst lose vor einem liegen, ergibt sich auf den ersten Blick keinerlei Verbindung, doch im Verlauf der Geschichte werden diese drei Handlungsstränge immer weiter miteinander verwoben, sodass ich am Ende der Geschichte alles aufklärt und keine Frage offen bleibt. Dennoch ist dieses Buch alles andere als vorhersehbar, denn die Verbindung der einzelnen Figuren zueinander zeigt sich erst im Verlauf der Geschichte. So machen dieser Spannungsbogen und Handlungsverlauf gewissermaßen auch ihren Reiz aus. Kann ich sagen, dass ich mich darüber freue hinter das Netz der politischen Intrigen zu schauen? Ja, bei diesem Roman kann ich genau das behaupten, denn tatsächlich erscheint dieses zunächst etwas unübersichtliche Netz aus Intrigen, Kriminalität, Macht und Machenschaften zunächst etwas willkürlich, doch schon am nächsten Gedanken stellt sich die Frage, wie viel Realität steckt in dieser Fiktion?

Über den Erzählstil in “Rheinblick”

Spannend dürfte auch der Perspektivwechsel sein, denn so wie die Geschichte selbst mehrere Erzählstränge hat, weist auch die Perspektive eine Mehrdimensionalität steht auf. Erzählt wird die Geschichte nämlich zum einen aus der Sicht von Hilde. So erfahren wir sehr genau, was sie mitbekommt und weiß, einen weiteren Teil der Geschichte erleben wir dann aber aus Sicht von Sonja, die als Krankenschwester und Logopädin besonders viel mit Willy Brandt zu tun hat und sich außerdem um ihre Schwester sorgt. Sie erfährt andere Dinge und ist gleichwohl näher an der politischen Ebene.

Die dritte und vierte Perspektive entsteht ebenfalls rund um Sonja, in ihrer WG. Dabei handelt es sich aber eher um die Sicht von Lotti oder Max. Obwohl die beiden viel Zeit gemeinsam verbringen, hat Max als Taxifahrer doch andere Einblicke, als Lotti, die sich gerade eine Existenz als Journalistin aufbaut. Somit gibt es vier oder auch fünf verschiedene Perspektiven, die in diese Geschichte einfließen. Fünf Perspektiven, die jeweils ihre eigene Sprache haben, ihre eigene Art zu erzählen und der Geschichte so richtig Schwung geben. Gleichzeitig liegt dennoch einiges im Verborgenen, denn wann immer die Perspektive von einem zum anderen springt, erleben wir nicht mehr mit was in der jeweils anderen Perspektive zur gleichen Zeit stattfand.

Eine Frage der Zeit

Ein weiterer Aspekt beeinflusst die Geschichte sehr. Die Erzählform, welche von gewählt wurde, ist nämlich sehr szenisch. So erleben wir immer eine Person, zu einer bestimmten Uhrzeit an einem Ort. Durch die verschiedenen Perspektiven, die ich ja bereits erklärt habe, entstehen so aber auch zahlreiche Überschneidungen. All das ist wieder eine Besonderheit, die dieses Buch auch als Hörbuch besonders wirken lässt. Tessa Mittelstaedt, die diese Geschichte erzählt greift zwar den Erzählton einer jeden Perspektive auf, gibt ihr somit eine eigene Stimme, und dennoch fällt es mir als Hörer zunächst nicht ganz leicht die unterschiedlichen Perspektiven hinsichtlich der unterschiedlichen Zeiten oder auch der gleichen Zeiten zu ordnen.

Eine Erzählung im Fluss

Genau wegen dieser ganzen Besonderheiten fällt es mir schwer, diese Geschichte als eine Geschichte im Fluss zu sehen. Dennoch hat man in manchen Szenen eher das Gefühl einer Geschichte im Fluss zu folgen. Trotzdem wirkt es aufgrund der szenischen Sprünge manchmal ein wenig schnelllebig. Nun ist Schnelllebigkeit ja zunächst einmal nichts Negatives, dennoch erfordert genau diese Erzählform eine Menge Konzentration auf die Geschichte selbst. Gerade zu Anfang fiel es mir deshalb schwer, mich voll und ganz auf die Geschichte einzulassen. In manchen Phasen hat man das Gefühl, die Geschichte plätschert nur so vor sich hin, in anderen Phasen scheint es Schlag auf Schlag zu gehen. Dies wirkt sich natürlich auch auf die Zeitwahrnehmung aus.

Eine Geschichte innerhalb weniger Tage

Die Geschichte selbst trägt sich innerhalb weniger Tage zu, trotzdem wirkt die Zeit im Höruch mal schneller und dann wieder umso langsamer. Auch das macht die Geschichte nun wieder besonders reizvoll, nimmt es doch den Zuhörer im Hörbuch gut mit. Trotzdem bin ich mir nicht ganz sicher, inwieweit sich beim Lesen des Buches dadurch längen ergeben hätten. Vielleicht hätte sich die Lesegeschwindigkeit durch diese besondere Erzählform ebenfalls angepasst, vielleicht aber auch nicht. Ich kann es nicht beurteilen, finde aber, dass dies das Hörbuch noch mal eine Spur anspruchsvoller erscheinen lässt.

Über

lebt seit über 30 Jahren in Köln. Bevor sie zum Schreiben kam, hat die studierte Sozialpädagogin in der Jugendarbeit und im Medienbereich gearbeitet. Heute verfasst sie Bücher für Jugendliche und Krimis für Erwachsene, u. a. ihre erfolgreiche Krimiserie um die Köchin Katharina Schweitzer. Mit Bühlerhöhe gelang ihr der Durchbruch.” (Hörbuch Hamburg)

Über Tessa Mittelstaedt

“Tessa Mittelstaedt war an Theatern in Bochum, Wuppertal und Dresden engagiert. Bekannt wurde sie durch ihre Rollen als Assistentin im Kölner Tatort und als Staatsanwältin in der ARD-Vorabendserie Heiter bis tödlich: Morden im Norden. Sie las bereits Romane von Nora Roberts und Ellen Berg.”(HörbuchHamburg)

Vergleich mit Bühlerhöhe

Die Geschichte, die ich als Hörbuch gehört habe, ist eine Geschichte mit vielen Höhen und Tiefen, nicht was die Erzählung selbst angeht, sondern im Rahmen ihrer Handlung, sodass ich mich stark daran erinnert fühle, was ich im Geschichtsunterricht über die Politik der siebziger Jahre gelernt habe. Dennoch ist diese Geschichte lebendig, lässt mich also als Hörer gut an ihr teilhaben, sobald man sich erst einmal einen Überblick verschafft hat. Aus diesem Grund würde ich dieses Buch auch als lesens- beziehungsweise dieses Hörbuch als hörenswert bezeichnen. Im Vergleich mit Bühlerhöhe ist es ebenso atmosphärisch dicht. Obwohl die Atmosphäre auch dank der Hörbuchumsetzung von Tessa Mittelstaedt wurde aufgegriffen wird, finde ich dieses Buch dennoch ein bisschen abstrakter als Bühlerhöhe es war.

Fazit

Eine hörenswerte Geschichte ist „Rheinblick“ insbesondere für die Freunde politischer Geschichten, die sich gerne mit der historischen Entwicklung der Politik beschäftigen. Wer das entsprechende Interesse mitbringt und sich auch schon einmal vorab mit dieser Zeit beschäftigt hat, kann sehr viel leichter Zugang zu der Geschichte finden. Alle anderen werden sich insbesondere zu Beginn ein wenig in die Geschichte hinein denken müssen, denn die Machenschaften, die Seilschaften und die Beziehungsgeflechte der damaligen Zeit sind gerade zu Beginn gewollt etwas undurchsichtig. Trotzdem würde ich dieses Hörbuch empfehlen.

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Hörbuch: "Rheinblick" von Brigitte Glaser
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