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“Mord in Dingley Dell” von Reginald Hill: Kriminalroman von 1973

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8 min read

“Mord in Dingley Dell” von Reginald Hill ist auf den ersten Blick ein recht ungewöhnlicher Kriminalroman, der 1973 erstmals veröffentlicht wurde. Auf den zweiten Blick erweist sich “Mord in Dingley Dell” von Reginald Hill allerdings eher als ein für die damalige Zeit sehr moderner Spionage-Thriller.

Die Entwicklung dieses Romans erscheint dabei zunächst friedlich, ja geradezu winterlich und weihnachtlich. Mich selbst erinnerte es zu Anfang sogar an ein Krimidinner, da es mit Kostümen und Rollenbildern einher zu gehen schien. Die dabei verkörperte Gemütlichkeit findet allerdings ein jähes Ende, als ein Mord geschieht.

Im Anschluss nimmt “Mord in Dingley Dell” von Reginald Hill zunächst den Verlauf eines mysteriösen Whodunnit-Krimis, bei dem die Rollenverteilung lange unklar bleibt. Man weiß einfach nicht, wer gut ist und wer ein Bösewicht.

Die klassische Ermittlerfigur gibt es ebenfalls nicht. Dieser besondere Umstand macht den Leser selbst zum Ermittler und lässt mich abermals an ein Krimidinner denken.

“Mord in Dingley Dell” von Reginald Hill: Lust mitzurätseln?

In seiner besonderen Aufmachung lädt “Mord in Dingley Dell” von Reginald Hill seine Leser dazu ein, selbst zum Detektiv zu werden und sich selbst des Falls anzunehmen.

Das klassische Whodunnit-Konzept wird zunächst voll ausgespielt, so dass ich als Leserin an die Bücher von Agatha Christie denken musste. Wer es ein wenig moderner mag, könnte dieses Buch auch mit “Offline” von Arno Strobel vergleichen.

Das Konzept dürfte sich ähneln. Eine Gruppe von Menschen trifft sich in einem abgeschlossenen Raum, sodass der Roman zum Kammerspiel wird und ein Entkommen unmöglich erscheint. Im Fall von “Mord in Dingley Dell” ist der abgeschlossene Schauplatz ein Hotel oder sollte man besser sagen, ein Gasthof, der ein Weihnachtsfest im Stil der Dickens’ Weihnacht veranstaltet.

Durch dieses Ambiente entfällt der Umgang mit moderner Technologie, der aber im Jahr 1973 mit Sicherheit ebenfalls ein anderer war. Aspekte von Spionage tauchen dennoch recht früh im Buch auf.

Zwar gibt es in diesem Buch keine Kameras, aber Gucklöcher, durch die man von oben in die einzelnen Zimmer hineinsehen kann. Doch das ist nicht die einzige Überraschung dieses Krimis.

“Mord in Dingley Dell”: Spuren des kalten Krieges

Wer versucht “Mord in Dingley Dell“ zeitlich einzuordnen, der wird aufgrund des Ersterscheinungsdatums 1973 schnell auf den kalten Krieg aufmerksam. Noch schneller erlangt dieses historische Ereignis Bedeutung für diesen Roman, wenn man sich die Figuren und ihre Rollen innerhalb dieser Geschichte einmal näher ansieht.

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Reginald Hill nimmt mit seiner Figurenkonstellation gewissermaßen die gesellschaftlichen Ereignisse zum Vorbild und konzipiert einen Spionage-Thriller, bei dem man sich nicht sicher sein kann, ob er so nicht auch tatsächlich hätte passieren können.

Da das Ganze sich jedoch in immer neue überraschende Wendungen entwickelt und man als Leser aufgrund der Vielzahl der einzelnen Figuren irgendwann damit beginnt, den Überblick zu verlieren, ist die Geschichte irgendwann recht unübersichtlich.

Schließlich muss ich als Leserin feststellen, dass mich dieser Kriminalroman, so ungewöhnlich er auch ist, zwar immer noch fesselt, mich jedoch irgendwann nicht mehr unterhält. Vielmehr habe ich das Gefühl, dass ich selbst zur Spielfigur geworden bin.

Dieser Krimi ist definitiv kein Krimi für jedermann, vielmehr sollte man ein gewisses Gespür für die damalige Zeit mitbringen und sich auch für Spionageaktivitäten der damaligen Zeit interessieren.

“Mord in Dingley Dell” von Reginald Hill: Leider kein Cozy Crime

Dieser Krimi bietet mit Sicherheit einige humorvolle und unterhaltsame Szenen, ist dabei aber alles andere als unblutig. Wer also einen entspannten und unblutigen Krimi erwartet, der liegt hier falsch, denn in diesem Krimi, den ich persönlich lieber als einen Thriller bezeichnen würde, wird weniger ermittelt, als vielmehr sich gegenseitig verdächtigt.

Insgesamt wird aus dem zu Anfang recht entspannten Krimi vor winterlicher Kulisse und mit einem gemütlichen Ambiente schnell ein ambitionierter und actiongeladener Thriller, bei denen man letztlich doch nicht mehr mitraten kann, denn wer bei diesen ganzen Figuren nicht den Überblick verliert, verliert ihn spätestens im großen Show-down.

“Mord in Dingley Dell” von Reginald Hill: Anspielungen auf Charles Dickens’ “Die Pickwickier”

Die zahlreichen Anspielungen auf Charles Dickens lassen Reginald Hill als einen Freund der schriftstellerischen Leistung Charles Dickens erscheinen und zeigen gleichzeitig, wer hier wohl als Vorbild verstanden wird.

Im Vergleich zu Charles Dickens, den ich eher als einen klassischen Romancier bezeichnen würde, sind die Krimis und Thriller von Reginald Hill allerdings eher mit einem Spannungsbogen ausgestattet, denn mit der klassischen Erzählkunst eines üblichen Romans.

Hinsichtlich der Gesellschaftskritik wird aber schnell klar, dass es beiden Autoren unabhängig voneinander gelingt an der Gesellschaft Kritik zu üben, ohne dass diese besonders hervorsticht.

Tatsächlich hat man beim Lesen dieses Kriminalromans den Eindruck, dass immer eine leise Gesellschaftskritik mitschwingt, diese aber so stark verbildlicht wurde, dass man sie schon wieder als fiktiv bezeichnen könnte oder möglicherweise eher rückblickend hineinliest.

Macht das “Mord in Dingley Dell” also möglicherweise eher zu einem Kriminalroman für ältere Leserinnen und Leser? Nun, vielleicht sollte ich diesen Krimi eher für Leser empfehlen, die die siebziger Jahre oder besser gesagt den kalten Krieg schon bewusst miterlebt haben, denn all jenen dürfte es leichter fallen, die entsprechenden Anspielungen zu erkennen.

Doch empfehle ich “Mord in Dingley Dell” am besten nicht nur für Historiker, sondern auch für die Liebhaber klassischer Gesellschaftskritiken wie “Die Pickwickier” von Charles Dickens, auf welche “Mord in Dingley Dell” auch häufig Bezug nimmt.

Kann ich diesen Kriminalroman also tatsächlich jedem Leser empfehlen? Nein, einer Personengruppe, die ich zu Beginn eigentlich fest eingeplant hatte, muss ich letztlich doch von diesem Buch abraten.

Wer sollte Reginald Hills “Mord in Dingley Dell” nicht lesen?

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Da sich dieser Kriminalroman letztlich nicht wie ein üblicher Whodunnit-Krimi verhält, obwohl er zu Beginn den Anschein erweckt, genau ein solcher zu sein, kann ich diesen Krimi letztlich nicht für die Liebhaber von Cozy Crime-Büchern empfehlen.

Hierfür ist er einerseits zu blutig und andererseits zu sehr mit der Gesellschaftskritik einer Zeit beschäftigt, die die Leserinnen und Leser möglicherweise noch nicht bewusst erlebt haben.

“Mord in Dingley Dell”: Sprachlich und stilistisch anspruchsvoll

Der Stil, in dem “Mord in Dingley Dell” von Reginald Hill erzählt wird, ist zeitlos und lässt sich angenehm lesen. Auffällig jedoch ist, dass sich der an sich schnörkellose Stil am Spannungsbogen zu orientieren scheint. Je rasanter die Geschichte um so knapper und pointierter die Erzählung.

Sprachlich ist dieser Wandel natürlich ebenfalls spürbar. Allerdings zeigt sich das Gespür des Autors auch in seiner Wortwahl. Diese gibt – in Dialogen – jeder Figur ihre ganz eigene Gestalt und verstärkt das Ambiente der einzelnen Szenen.

Auf diese Weise verstärken Wortwahl und Erzählweise die erlebbare Wahrnehmung von Entspannung, unterschwelliger Bedrohung und echter Gefahr.

Über den Autor Reginald Hill

“Reginald Hill, 1936–2012, wurde im Norden Englands geboren und ist einer der bekanntesten Krimiautoren Großbritanniens. Für sein literarisches Werk wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.”(Dumont Verlag)

Fazit zu “Mord in Dingley Dell” von Reginald Hill


“Mord in Dingley Dell” von Reginald Hill ist ein durchweg überraschender Spionage-Thriller, der nur wenig von einem Cozy Crime-Roman besitzt.

Würde man diese Geschichte in die Gegenwart übertragen, wäre sie vermutlich aufgrund technischer Entwicklungen viel schnelllebiger und würde durch diese Adaption ihre Gemütlichkeit verlieren.

Somit muss ich abschließend feststellen, dass die scheinbare Gemütlichkeit kein Merkmal ist, dass auf einen Cozy Crime-Roman mit unblutigen Charakter hindeutet, sondern eher der zeitlichen Distanz geschuldet ist.

Aus diesem Grund möchte ich diesen Spionage-Thriller ohne echte Detektivarbeit auch nicht uneingeschränkt empfehlen. Mir persönlich hat der Stil dieses 1973 erstmals erschienen Buches gut gefallen.

Dennoch bleibe ich am Ende aufgrund der überraschenden Wendungen ein wenig sprachlos und verwirrt zurück. Für ein derartig eindrucksvollen Thriller kommt das doch ein wenig überraschend.

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Marie

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