„Butter“ von Asako Yuzuki ist ein bemerkenswertes Buch, auf das ich durch den Folgeroman „Tokyo Girls Club“ aufmerksam wurde. Obwohl sich dieser portraitierende Roman in manchen Teilen so spannend liest als wäre er ein Krimi, erzählt er dennoch keine leichte Geschichte, die man zwischen Tür und Angel oder während einer Bahnfahrt zur Arbeit lesen sollte.
Es handelt sich hierbei um einen eher anspruchsvollen Roman, der das Frauenbild der japanischen Gesellschaft darstellt. Warum heißt dieser Roman dann aber „Butter“, wenn es gar nicht um den Genuss derselbigen geht? An dieser Stelle könnte ich behaupten, dass es eben auch um Genuss geht.
Diese Behauptung wäre keinesfalls falsch, allerdings wäre sie wohl unvollständig. Schließlich findet Butter in diesem Roman nicht nur als Genussmittel sondern auch als Sinnbild für die Befreiung der japanischen Frauen Verwendung.
Wie ein Streichfett zum Sinnbild der Befreiung wird
Ich halte die japanischen Frauen nicht für eingesperrt. Laut Gesetz sind Frauen in Japan den Männern gleichgestellt. Obwohl das Frauenbild historisch betrachtet zunächst eher die Frau in den Mittelpunkt stellte, gilt das heutige Frauenbild des 20. Jahrhunderts als traditionell. Das Frauenwahlrecht wurde in Japan erst 1945 eingeführt, erwünscht war das Frauenbild der guten Ehefrau und klugen Mutter.
Nachdem zweiten Weltkrieg erhielten Frauen Zugang zu öffentlichen Schulen. Bildung sei die Grundlage für Gleichberechtigung. Trotz der geänderten Gesetze änderte sich allerdings an der Rolle der Frau oder am Frauenbild selbst nur wenig. Erst heute gibt ein Spannungsfeld, dass sich irgendwo zwischen dem modernen Selbstbild aus Unabhängigkeit und Karriere, das viele jüngere Frauen haben, und den traditionellen Werten, die meist von Außen an sie heran getragen werden.
Asako Yuzuki gelingt es in „Butter“ dieses Spannungsfeld herauszuarbeiten und innerhalb dieser Geschichte aufzuzeigen. Diese Darstellung des modernen Gesellschaftsbildes zeigt jedoch keinesfalls die historischen Brüche des japanischen Frauenrollenbilds auf, sondern bildet eher eine Momentaufnahme ab und verdeutlicht, welchem Druck (japanische) Frauen heute tagtäglich ausgesetzt sind.
Die historische Entwicklung von relativer Frauenpräsenz zu tief verankerten patriarchalen Strukturen fließt bei diesem Roman jedoch nur am Rande mit ein. Deutlicher zeigt die Autorin auf, dass sozioökonomische Strukturen und kulturelle Normen die echte Gleichstellung der Geschlechter erschweren. Ähnlich wie in unserer europäischen Tradition bräuchte es einen Paradigmenwechsel, den Ausbau der Kinderbetreuung, eine Flexibilisierung der Arbeitszeit, sowie Anerkennung der Care-Arbeit in der Unternehmenskultur.
Ist die Rolle der Frau in der japanischen Gesellschaft also mit den Herausforderungen der europäischen Frauen vergleichbar? Nun, ich bin mir sicher, dass sich die Herausforderungen ähneln. Identisch sind sie jedoch meiner Ansicht nach nicht, da auch das japanische Schönheitsideal kritisch betrachtet werden müsste.
Die japanische Frau gilt als schön, wenn sie klein und sehr schlank ist. Man müsste dieses Ideal wohl als mädchenhaft oder gar burschikos beschreiben. Eine 1,65 Meter große Frau sollte nicht mehr als 49 Kilogramm wiegen; eine 1,80 Meter große Frau darf immerhin 56 Kilogramm wiegen. Halten japanische Frauen also permanent strikte Diäten ein? Wenn dem so ist, führt dies zu Essstörungen, Nährstoffmangel und langfristigen Gesundheitsproblemen.
Diese Schönheitsideale verursachen allerdings nicht nur die genannten gesundheitlichen Probleme. Vielmehr entsteht auf Basis dieses Ideals psychischer Stress. Schließlich möchte jede Frau der Norm entsprechen. Hoher sozialer Erwartungsdruck im Job oder bei Dates erzeugt Stress, Schamgefühle und Selbstwertprobleme. Besonders bei Abweichungen vom Ideal.
All dieses wird in „Butter“ authentisch gezeigt und thematisiert. Falls ihr aber nun glaubt, dass ich euch an dieser Stelle eine reine Gesellschaftskritik vorstelle, liegt ihr falsch, denn die von mir gerade ausführlich erläuterten gesellschaftlichen Herausforderungen sind in eine Handlung eingebettet, die ebenso anspruchsvoll und unterhaltsam wie spannend ist.
„Butter“: eine Journalistin auf Spurensuche
Doch was hat das japanische Frauenbild nun mit der Handlung dieses Romans zu tun? Ich habe bei dieser Rezension keinesfalls ohne Grund damit begonnen, euch das Frauenbild Japans näher zu bringen, sondern vielmehr, um euch einen kurzen Einblick in die Geschichte zu geben. Worum geht es also in diesem Roman?
Manako Kajii soll so hervorragende Kochkünste haben, dass ihr zahlreiche Männer verfielen und das, obwohl sie nicht mal dem japanischen Schönheitsideal entspricht. In den Augen der meisten bildet Manako wohl den stärksten Kontrast zu diesem. Viele würden sie für eine harmlose Frau mit einem Kochtalent und einer Leidenschaft für die französische Küche halten. Doch Manako ist eine verurteilte Serienmörderin, die alle ihre Liebhaber mit ihrer Leidenschaft für gutes Essen tötete.
Als Rika von dieser Frau hört, steht für die junge Journalistin aus Tokio fest, dass sie gerne ein Interview mit besagter Serienmörderin führen möchte. Dass Manako bislang jedes Interview abgelehnt hat, fordert Rika nur noch mehr heraus. Doch die Serienmörderin stellt Bedingungen an dieses Interview. Sie möchte weder über die Morde noch über ihre Liebhaber sprechen. Ihre Leidenschaft für gutes Essen bist schließlich ein gelungener Aufhänger für die erste Begegnung.
Schließlich behauptet Manako dass er nicht so sehr verabscheut wie Margarine und Feministinnen. Für sie steht der Genuss im Mittelpunkt des Essens und es geht nichts über gute Butter. Über ihre Kochkünste möchte Manako sich daher gerne austauschen. Und so werden die Interviewtermine von Manako und Rika zu Gesprächen und Lehrstunden über die Kunst des Genusses und schließlich über Lebenskunst.
Da sich all dies auch im Roman widerspiegelt, geht es hierbei um vielmehr als um die Morde. Bei diesem Roman handelt es sich auch nicht um einen Krimi. Dieser Roman stellt Genuss in den Vordergrund, feiert das Essen und Trinken und kritisiert die unmöglichen Erwartungen die heutzutage an Frauen gerichtet werden, die in patriarchalen Gesellschaften leben.
„Butter“: Charaktere zwischen Tradition und Moderne
In „Butter“ zeigt Asako Yuzuki die Charaktere dieser Geschichte in einem Spannungsfeld irgendwo zwischen Tradition und Moderne. Mich persönlich hat das ebenso fasziniert wie neugierig gemacht und gleichzeitig sorgt es dafür, dass dieser Roman an Tiefgang gewann.
Dass dieser Roman alles andere als ein einfacher Roman ist, war mir klar und dennoch hätte ich ihn ein wenig anders verordnet, als ich ihn letztlich erlebt haben. Asako Yuzuki zeichnet mit ihrem Roman ein Bild von einer japanischen Gesellschaft die irgendwo zwischen Tradition und Moderne schwebt und fängt damit genau das Stimmungsbild ein, dass den Reiz und die Faszination dieser Kultur ausmacht.
Auffällig ist dabei, dass der Stil dieser japanischen Autorin ein ganz anderer ist, als ich es beispielsweise von deutschen Autorinnen oder von amerikanischen Autoren gewohnt bin. War dieser Roman schwer zu lesen? Nun, es ist kein Roman denn unterhalten möchte, aber belehren will er eigentlich auch nicht. Vielmehr möchte er Kritik üben, ohne Kritik zu üben, indem er ein Rollenbild einfängt und es seziert.
Ein ungewöhnlicher Stil, der zum Lesen einlädt?
Tatsächlich bin ich mir nicht sicher, ob dieser Stil zum Lesen einlädt. Obwohl dieser Roman in der einen oder anderen Form die Persönlichkeit seiner Protagonisten unterstreicht erscheint er doch stellenweise distanziert, abstrakt und mit nahezu chirurgischer Präzision die Probleme und Herausforderungen eine Gesellschaft aufzeigend.
Ich bin mir sicher, dass Asako Yuzuki mit ihrem Roman genau diese Stimmung erzeugen und einfangen wollte. Sie konserviert das gesellschaftliche Rollenbild und schafft es gleichzeitig mit ihrem Roman und ihren überaus vielschichtigen Charakteren für Unterhaltung zu sorgen. Sie informiert die Leserinnen und Leser und somit irgendwie uns alle, die wir diesem Roman gelesen haben, darüber, welchen Herausforderungen sich die Japanerinnen tagtäglich stellen müssen.
Über die Autorin Asako Yuzuki
„Asako Yuzuki wurde 1981 in Tokio geboren. Sie wurde für ihr Schreiben vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Noma-Verlagskulturpreis. Ihr Roman »Butter« ist in Japan ein Bestseller und verkaufte sich allein in Japan 200.000 mal. Er erscheint weltweit in zahlreichen Sprachen und gewann 2025 den British Book Award. »Tokyo Girls Club« wurde mit dem Yamamoto Shūgorō Preis ausgezeichnet.“ (Aufbau Verlage)
Fazit zu „Butter“ von Asako Yuzuki
„Butter“ von Asako Yuzuki ist ein Roman der mich schon bei seiner Vorankündigung in den Bann zog und bei der mich bis jetzt sicher bin, ob ich ihn gelesen hätte, wenn ich gewusst hätte, wie sich die Geschichte darstellt. Fakt ist, ich habe es nicht bereut diese Geschichte gelesen zu haben, allerdings ist dieser Roman ein Roman, der aus einer anderen Kultur stand und möglicherweise lässt ihn das reservierter erscheinen, als ich es von anderen Romanen gewohnt bin.
Mir bereitete es Freude, diesen Roman gelesen zu haben, gleichzeitig jedoch kann ich euch nach dem Genuss dieses Buches sagen, dass man sich auf die Geschichte und ihre Charaktere einlassen muss, denn egal, mit wem sich Rika unterhält. Wir erleben eine andere Form der Konversation und genau diese Konversationsunterschiede zeigen sich vor allem in den Dialogen. Persönlich fällt es mir nicht leicht, diese Rezension zu schreiben, denn ich bin mir nicht sicher, ob ich euch diesen Roman wirklich zur Unterhaltung empfehlen soll.
Meiner Meinung nach handelt es sich hierbei nämlich nicht um einen reinen Unterhaltungsroman. Es ist der anzunehmende Literatur und tatsächlich zögere ich eine allgemeine eine für jedermann gültige Empfehlung auszusprechen, da ich mir nicht sicher bin, ob wirklich jeder sich von diesem Roman unterhalten fühlt.
Ich weiß allerdings auch, dass es wohl bei keinem Buch der Fall sein dürfte und so sage ich euch, wenn ihr mal ein Wochenende Zeit habt und eine Geschichte lesen möchtet, die sich von dem unterscheidet, was ihn normalerweise zu Unterhaltungszwecken lest, dann könntet ihr getrost zu „Butter“ von Asako Yuzuki greifen, denn dieser Roman ist definitiv ein Erlebnis. Vor allem dann, wenn ihr euch darauf einlasst.
Butter
"Butter" von Asako Yuzuki ist ein bemerkenswertes Buch, auf das ich durch den Folgeroman "Tokyo Girls Club" aufmerksam wurde. Obwohl sich dieser portraitierende Roman in manchen Teilen so spannend liest als wäre er ein Krimi, erzählt er dennoch keine leichte Geschichte, die man zwischen Tür und Angel oder während einer Bahnfahrt zur Arbeit lesen sollte.
URL: https://www.aufbau-verlage.de/aufbau-taschenbuch/butter/978-3-7466-4071-6
Autor: Marie Lanfermann
Autor: Asako Yuzuki
ISBN: 978-3-8412-2918-2
Veröffentlichungsdatum: 2022/02/14
Format: https://schema.org/EBook
4.7
Vorteile
- Vielschichtiger Gesellschaftsroman zum Frauenbild in Japan
- Prägnante Tradition-vs.-Moderne-Konstellation
- Butter als Symbol für Genuss, Befreiung und Selbstbestimmung
- Gelungene Verbindung von Sozialkritik, Figurentiefe und Handlung
- Anspruchsvolle Auseinandersetzung mit patriarchalen Strukturen
- Authentische Themen: Schönheitsideale, Diäten, psychische Belastung
- Spannende Prämisse mit Journalistin und Serienmörderin
- Eigenständige Gesprächs- und Konversationsdynamik
- Vielschichtige Figurenzeichnung mit kultureller Spezifik
- Analytische, atmosphärische Erzählweise mit Wiedererkennungswert
- Unterhaltsam trotz schwerer Themen
- Literarisch anspruchsvoll statt bloß konsumierbar
- Starker kultureller Einblick in japanische Rollenbilder
Nachteile
- Kein leichter Roman für zwischendurch
- Hoher Anspruch an Konzentration und Einlassungsbereitschaft
- Teilweise distanziert, abstrakt und kühl im Stil
- Kaum klassischer Unterhaltungsroman
- Kritik an Strukturen eher indirekt als frontal
- Historische Entwicklung der Frauenrolle nur am Rand
- Erfordert Offenheit für kulturell spezifische Dialoge
- Wirkt auf manche Leser reserviert
- Kein klarer Krimi trotz spannender Ausgangslage
- Nicht uneingeschränkt für jedes Publikum geeignet
