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“Artur Lanz” von Monika Maron: 1 Gesellschaft, viele Fragen

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9 min read

“Artur Lanz” von Monika Maron ist ein Roman über einen Mann, der an seinem eigenen Leben gescheitert zu sein scheint. Die Erzählerin entdeckte ihn, in einer Szene, in die er nicht wirklich hineinpasst. Er sitzt tagelang jeden Morgen auf einer Bank auf dem Marktplatz und erscheint einsam, obwohl er doch von Menschen umgeben ist.

Sie macht sich ihre Gedanken. Warum sitzt dieser Mann mit kurzen blonden Haaren und Kleidung, die viel zu elegant erscheint, jeden Vormittag auf dieser Bank?

Als die Erzählerin dieser Geschichte durch einen scheinbaren Zufall die Möglichkeit erhält, mit dem unbekannten Mann ins Gespräch zu kommen, erfährt sie relativ schnell seinen Namen. Artur Lanz. Doch als sie beginnt in seine Geschichte einzutauchen, zieht er sich schnell zurück und so erfährt sie zunächst nur, dass er die Säufer und Obdachlosen an der anderen Seite des Marktplatzes bewundert, weil sie immerhin fast alle schon hinter sich hätten.

“Artur Lanz“ von Monika Maron: eine Bewunderung, die Fragen aufwirft

Diese Bewunderung löst Fragen aus, auf die sie zunächst keine Antwort erhält. Dies soll sich erst ändern, als Lanz einige Monate später durch einen neuerlichen Zufall wieder trifft. Dieses Mal erzählt er ihr von seinem Urlaub, von dem er kürzlich zurückgekehrt sei.

Dieses Mal hat sie auch nicht den Eindruck, dass er neben sich stehe, sondern eher das Gegenteil, dass es sich um einen Mann handelt, der mitten im Leben steht. Spontan lädt sie ihn zum Kaffee ein und schon nimmt der Roman um Artur Lanz seinen Lauf.

Charlotte Winter: die Erzählerin in “Artur Lanz”

Durch die erste Begegnung zwischen Artur Lanz und der Erzählerin erfahren wir sowohl, dass es sich bei diesem etwas ungewöhnlichen Mann um Artur Lanz handelt und auch die Erzählerin bekommt ihren Namen. Charlotte Winter.

Eine Frau, die die Geschichte eines Mannes erzählt, das mag ungewöhnlich sein, aber tatsächlich ist Artur Lanz mehr als die Geschichte eines Mannes. Es ist vielmehr die Geschichte einer Gesellschaft, die fast schon Mosaik ähnlich in unterschiedliche Schichten und Interessen gespalten wird.

Der Protagonist ist dabei ähnlich wie die Erzählerin Charlotte Winter zunächst ein Beobachter inmitten der Szene, denn auf seiner Bank sitzend fällt er den wenigsten Menschen, von Charlotte Winter einmal abgesehen, überhaupt auf.

Tatsächlich könnte man sagen, dass Artur ebenso wie die deutlich ältere Charlotte Winter mit der Masse mitschwimmen und in ihrer Belanglosigkeit fast schon so gut getarnt sind, dass die Menschen sie einfach nicht wahrnehmen.

Charlotte Winter und Artur beobachten halt gerne, Charlotte um eine ihrer Geschichten zu schreiben und Artur scheinbar um des Beobachtens willen. Das alles ist nicht ganz einfach, denn keiner von ihnen scheint Wert darauf zu legen, Stellung zu beziehen und eindeutig etwas über die Gesellschaft zu sagen oder diese gar mitzugestalten.

Artur und Charlotte sind nicht nur geheime Beobachter, sie sind auch situativ und wertend, treten aber immer ein wenig vor der Situation zurück.

Mit Charlotte und Artur beobachten auch wir als Leser die gesellschaftlichen Strukturen und Entwicklungen der Zeit. Wir als Leser treten dabei noch ein wenig stärker zurück, als der Protagonist und die Erzählerin dies tun.

Ein Roman, der uns zwingt, Position zu beziehen

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Trotz aller Beobachtung handelt es sich bei diesem durchaus ungewöhnlichen Roman auch um einen Roman, der mehr von uns als Leserinnen und Leser fordert, als nur zu beobachten. Er zwingt uns eine klare Haltung zu zeigen und Position zu beziehen.

Mit ihrem Roman um Artur Lanz schafft es Monika Maron ein Abbild zu zeichnen, dass unserer heutigen Gesellschaft entspricht.

Die Autorin gibt uns allen die Möglichkeit, von außen auf unsere eigene Gesellschaft und ihre Entwicklung zu schauen. Die persönlichen Präferenzen, die Meinungen und Handlungen des Protagonisten treten zugunsten der Beobachtung ein wenig in den Hintergrund, auch wenn er selbst stets präsent ist.

Dennoch oder vielleicht gerade deshalb ist Lanz aber kein klassischer Held der Geschichte, ebenso wenig ist er ein Antiheld. Anfangs erscheint er liebenswürdig, fast ein wenig hilflos, später ist er wieder energiegeladener, eigenständiger und durchaus in der Lage, eine eigene Meinung zu haben und diese bewusst und aktiv zu vertreten.

Ein Roman über die Demokratie, die Gesellschaft und die Frage, was eigentlich gedacht und gesagt werden darf

Tatsächlich handelt es sich bei diesem Roman um einen Roman über die Demokratie und über unsere heutige Gesellschaft, die aufgrund der Meinungsfreiheit glaubt, dass alles gedacht und gesagt werden darf.

Ja, tatsächlich leben wir in einer sehr weltoffenen Gesellschaft, bei der man schnell den Eindruck gewinnt, man dürfe hier jeder Meinung sein, solange man jede Meinung nur mit Fakten und Emotionen belegen kann.

Dass Gesellschaft und Zivilisation heißt, sich gegenseitig respektvoll und offen zu begegnen, schränkt die Meinungsfreiheit dahin gehend schon wieder ein wenig ein, denn in dem Moment, wo wir die Meinungen anderer respektieren sollen und dürfen, müssen wir unsere eigene Meinung überdenken, sie hinterfragen und gegebenenfalls anpassen.

Zunächst einmal heißt es aber, mit anderen ins Gespräch zu kommen. In diesem Punkt ähnelt “Artur Lanz“ tatsächlich einem Roman wie “Die Gespenster von Demmin“ oder der aktuellen politischen Diskussion um Donald Trump. Man muss eine klare Haltung haben und zeigen.

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Ein Roman, der zeigt, scheinbar ohne zu bewerten

Monika Maron ist mit ihrem Roman und ihrer ungewöhnlichen Wahl des Protagonisten ein Kunststück gelungen, dass ich in dieser Form gerne häufiger lesen würde. Ihr gelingt es scheinbar mit Leichtigkeit, ein Bild unserer Gesellschaft in einen Roman zu zeichnen und mir als Leserin diese Gesellschaft zu zeigen, ohne dabei selbst wertend aufzutreten.

Dabei ist mir überaus bewusst, dass sie mich als Leserin natürlich dazu auffordert, diese Wertungen selbst vorzunehmen und mich den Fragen unserer Zeit zu widmen. Was darf und sollte man in der heutigen Zeit denken?

Für mich tritt dabei insbesondere die Aussage oder der Ausdruck der gesellschaftlichen Erwünschtheit in den Mittelpunkt der Betrachtung, denn viele einzelne Aspekte, die sie in diesem Roman beschreibt und aufzeigt, sind tatsächlich Fragen unserer Zeit.

Die Antworten, die jeder einzelne von uns gibt, sind allzu oft Antworten, bei denen wir uns vorher gefragt haben, ob dies wohl auch von unseren Freunden, unserer Familie, ja sogar unseren Kollegen und Nachbarn genauso gesehen werden würde, wie wir es sehen.

Monika Maron lädt also mit ihrem Roman “Artur Lanz“ zu einem gesellschaftlichen Diskurs und fordert eine Antwort auf die Frage, wie viel Meinungsfreiheit uns tatsächlich obliegt, denn die sogenannte Meinungsfreiheit ist häufiger geprägt von dem, was wir als gesellschaftliche Norm betrachten.

Jene gesellschaftliche Norm wiederum ist durch das geprägt, was wir in Freundeskreis, Familie, oder in der täglichen Auseinandersetzung mit Arbeitskollegen etc. erleben.

Über die Autorin Monika Maron

“Monika Maron ist 1941 in Berlin geboren, wuchs in der DDR auf, übersiedelte 1988 in die Bundesrepublik und lebt seit 1993 wieder in Berlin. Sie veröffentlichte zahlreiche Romane, darunter »Flugasche«, »Animal triste«, »Endmoränen«, »Ach Glück« und »Zwischenspiel«, außerdem mehrere Essaybände, darunter »Krähengekrächz«, und die Reportage »Bitterfelder Bogen«.

Zuletzt erschienen die Romane »Munin oder Chaos im Kopf« (2018) und »Artur Lanz« (2020). Sie wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet, u.a. dem Kleist-Preis, der Carl-Zuckmayer-Medaille, dem Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg, dem Deutschen Nationalpreis und dem Lessing-Preis des Freistaats Sachsen.” (Fischer)

Fazit zu “Artur Lanz“ von Monika Maron

Dieser Roman gehört zu den wenigen, bei denen ich eindeutig Stellung beziehe, denn bei diesem Roman kann ich Euch eindeutig sagen, dass dieser Roman einer ist, den jeder einzelne, der glaubt etwas zur Gesellschaft beitragen zu müssen und zu können, ihn selbst lesen sollte.

Obwohl der Schreibstil, in dem Monika Maron die Geschichte erzählt, intersubjektiv, sachlich, scheinbar nüchtern und doch irgendwie empathisch ist, greift er doch in das ein, was wir uns heute in einer Gesellschaft wünschen würden, eine engagierte Bevölkerung, die Zivilcourage zeigt und eindeutig unterschiedliche Meinungen vertritt.

Die Kunst beim gesellschaftlichen Miteinander ist es, sich einerseits auf die Meinungen anderer einzulassen, ihnen andererseits aber auch bei Bedarf zu widersprechen. Das Wort unserer Zeit müsste Zivilcourage lauten und genau diese Zivilcourage fordert Monika Maron in ihrem Roman “Artur Lanz“.

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Marie

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