„Tiefer Riss – Was uns spaltet und was uns verbindet“ von Katja Schneidt

“Tiefer Riss – Was uns spaltet und was uns verbindet” von Katja Schneidt
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„Tiefer Riss – Was uns spaltet und was uns verbindet“ von Katja Schneidt ist ein Buch, das uns die Zerrissenheit unserer multikulturellen Gesellschaft aufzeigt, aber auch deutlich macht, dass uns mehr verbinden könnte als uns trennt.

Da ich selbst denke, dass man viele Vorurteile und Ängste durch einen offenen Umgang und Austausch miteinander abbauen kann, bin ich davon überzeugt, dass Katja Schneidts Buch „Tiefer Riss“ seinen Beitrag zur Überwindung der Parallelgesellschaften leisten könnte.

Da die Autorin selbst Muslima ist, aber auch die westliche Gesellschaft als Heimat betrachtet, kann sie mit ihrem Buch dazu beitragen, Integration zu schaffen und einen offenen, aber gleichzeitig nicht unkritischen Umgang miteinander zu pflegen.

Letztlich gelingt es uns nur, Vorurteile und potentielle Ängste zu überwinden, wenn wir miteinander ins Gespräch kommen. In ihrem Buch macht Katja Schneidt diesen Umstand deutlich. Sie zeigt Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf.

„Tiefer Riss“: Fördert der Sozialstaat die Migration?

Über die Verbindung von Sozialstaat und Migration ranken sich zahlreiche Mythen. Wie häufig hört man Ausrufe wie „Die wollen nur unser Geld!“ oder „Die nehmen uns unsere Jobs weg!“? Solche Vorurteile werden häufig von rechten Gruppierungen oder Parteien am rechten Rand bestärkt.

Katja Schneidt hat als Arbeitsvermittlerin und in zahlreichen Ehrenämtern gearbeitet und viele Menschen bei der Integration in unsere Gesellschaft unterstützt. Aus ihrer Erfahrung heraus macht sie deutlich, dass es bei jeglicher Teilhabe an unserer Gesellschaft zunächst um eines geht, um den Menschen.

Das System, welches unserem Sozialstaat zugrunde gelegt wird, erlebt Schneidt zwar als ungleich sozial, aber als eher positiv. Gleichzeitig mahnt sie aber auch an, dass die starren und rigiden Vorgaben nicht jeden bestmöglich integrieren.

Besser sei es, im Einzelfall bedarfsorientiert entsprechende Maßnahmen anzubieten. Am wichtigsten wäre es, dass Menschen mit Migrationshintergrund schnell und sicher die deutsche Sprache erlernten, da nur so eine Teilhabe möglich wird, die eine dauerhafte Bleibeperspektive schafft. Denn bleiben dürfe man nur, wenn man finanziell unabhängig vom Staat sei.

Allein diese Bedingung macht deutlich, dass die Migration nur kurzfristig vom Sozialstaat profitiert. Da der Sozialstaat jedoch nur Bedürftige schützt, endet die Duldung letztlich in 60% der Fälle mit der langfristigen Rückkehr in die Heimat.

Nur rund 40 % sind derzeit in der Lage, sich dauerhaft in die hiesige Gesellschaft zu integrieren. Hier ist die Motivation dann jedoch nicht im sozialstaatlichen System begründet.

Veränderung als Chance sehen

Betrachtet man den Sozialstaat im Verlauf der Zeit, so fällt auf, dass er wie scheinbar alles im Leben einer steten Veränderung Rechnung trägt. Wer also behauptet, dass früher alles besser war, müsste verstehen, dass heute viele Sachen gar nicht mehr für alle tragbar wären.

Ein System, das lediglich auf soziale Versorgung setzt, ist auf Dauer sehr teuer. Damit es dennoch für alle eine grundsätzliche Absicherung geben, wurde der Sozialstaat im Verlauf der Zeit angepasst.

Ob dies nun immer positiv ist, ist sicherlich eine Frage, über die man diskutieren kann. Aber Fakt ist, dass wir alle von unserem Sozialstaat profitieren, ebenso wie von der kulturellen Vielfalt.

„Tiefer Riss“: Was sind Parallelgesellschaften?

Tatsächlich erleben wir so etwas wie die kulturelle Vielfalt allerdings nur dann, wenn es tatsächlich gelingt, multikulturell zu leben. Wann immer Menschen aus anderen Heimatländern fast nur Kontakt zu ihresgleichen pflegen, ist es kaum möglich, tatsächlich von einer kulturellen Vielfalt zu sprechen. In den meisten Fällen bilden sich dann sogenannte Parallelgesellschaft, sodass es kaum noch Berührungspunkte mit Menschen gibt, die nicht aus dem eigenen Land stammen.

Persönlich finde ich das recht schade, denn die Auflösung von Parallelgesellschaft würde zum Abbau von Vorurteilen beitragen und es zeigt, dass jene Menschen, die es tatsächlich geschafft haben, sich erfolgreich zu integrieren nicht nur selbst davon profitieren.

Viele Menschen sprechen heute über den Islam, über Islamisten und über ihre Angst vor dem Fremden, doch der Islam selbst ist lediglich eine Religion, er hat nichts mit Islamismus zu tun, wer dies einmal verstanden hat, schafft es, zwischen dem extremistischen Islamismus und dem weniger radikalisierten Islam zu unterscheiden.

Zu vergleichen wäre dies, wenn man sich das Christentum anschaut und einen Blick auf die Kreuzritter wirft. Nicht jeder Christ ist gleich ein Kreuzritter geworden, genauso wenig wie jeder Muslime ein Islamist ist.

Um diese Unterscheidung stärker herauszuarbeiten, müsste man aber miteinander in Kontakt treten und die mögliche gegenseitige Angst voreinander verlieren. Weltoffenheit ist letztlich das, was uns die kulturelle Vielfalt schafft, die es lohnt zu leben.

Das Interesse an einem weltoffenen Umgang miteinander muss aber von allen Beteiligten kommen, denn wenn nur wenige daran interessiert sind, den anderen Kulturkreis kennen zu lernen, scheitern wir. Dann scheitern wir an unserer eigenen kulturellen Vielfalt und unserem Verständnis von miteinander.

„Tiefer Riss“: Entscheide dich für eine Position

Spannend ist bei diesem Sachbuch auch, dass Katja Schneidt nicht nur erläutert, was eigentlich gerade in unserer Gesellschaft passiert, sondern auch versucht, wach zu rütteln. Viele Menschen sagen immer das man eine klare Position haben muss: entweder ist man für etwas oder dagegen.

Ist die Positionsfindung tatsächlich derartig einseitig? Katja Schneidt selbst hat es scheinbar so erlebt.  Ich frage mich aber, ob nicht auch die eigene Meinungsfindung stets auch etwas mit unseren Erfahrungen, Wünschen und Erlebnissen zu tun hat.

Wenn wir uns nicht eindeutig für eine Position entscheiden, sondern uns immer ein Hintertürchen aufhalten, gelten wir vielleicht als launisch oder wechselhaft. Wenn wir es aber schaffen, zwei Positionen konfliktfrei miteinander zu kombinieren, indem wir uns in Diplomatie üben, profitieren wir davon als gesamte Gesellschaft.

Je weltoffener wir sind, und je mehr Erfahrungen wir sammeln konnten, desto mehr könnten wir im Umgang miteinander erleben. Auf diese Weise profitieren wir wieder, denn unsere Meinungen und unser Austausch wird flexibler.

Jedoch muss auch ein flexibler Umgang mit polarisierenden Positionen gelernt sein. Meiner Meinung nach hat der kulturelle oder besser gesagt der interkulturelle Austausch auch etwas mit Demokratie zu tun, die man lernen muss, auszuhalten.

Gerade für Flüchtlinge und Asylbewerber, kann unsere Demokratie zu einer echten Herausforderung werden, da sie diese Freiheit aus ihrer Heimat schlicht nicht kennen lernen und üben konnten. Eine Herausforderung, die sich aber lohnen kann, wenn man tatsächlich daran interessiert ist, sich in eine neue oder eine andere Gesellschaft einzubringen. Letztlich sind daran aber alle beteiligt und es spielen ganz unterschiedliche Interessen hinein.

„Tiefer Riss“: mehr als nur eine Frage der Religion

Tatsächlich scheint die Integrationsfrage mehr zu betrachten, als die Religion. Oftmals sind es nämlich weniger religiöse Aspekte, sondern eher gesellschaftliche Aspekte, die die Integration in einem fremden Land und gegebenenfalls einer unbekannten Kultur erschweren.

Das neben der Religion auch noch ein eigenes Rechtssystem im Islam gibt, könnte auch dieses bei der Integration zu einem Problem führen, denn die Scharia wird von Muslimen unterschiedlich stark ausgelegt. Dabei kann es durchaus zu Widersprüchen kommen, die dem, was in unserer Kultur und in unserer Gesellschaft gilt, widerspricht.

Somit müsste man eigentlich sagen, dass auch das islamische Rechtssystem einen großen oder weniger großen Einfluss auf die Integration in einem neuen Land haben kann.

Auch der Koran selbst kann je nach Auslegung großen Einfluss auf den Alltag der Gläubigen nehmen. Haben also gläubige Muslime ein größeres Problem, sich in einem neuen Land zu integrieren? Diese Frage ist keinesfalls eindeutig zu beantworten und auch pauschal kann man hier nur Vorverurteilungen treffen.

Tatsächlich aber ergeben sich durch diese strikten Vorgaben aus Scharia und Koran ab und an einige Schwierigkeiten, die eine Integration erschweren können. Der deutsche Rechtsstaat setzt die Scharia in Deutschland übrig außer Kraft. Trotzdem gibt es sicherlich einige, die sich aus einem kulturellen Interesse intensiv mit ihr beschäftigt haben, weil sie sie aus ihrer Heimat kennen.

In diesem Zusammenhang müsste man wohl auch den Friedensrichter als Tradition betrachten. Doch kulturelle Kriminalität verbinden viele auch mit solchen Themen wie Clan-Kriminalität oder Ehrenmorde, Themen, die eine Integration wiederum erschweren.

Darüber hinaus gibt es noch die Kriminalität des Terrorismus. Mit Terrorismus verbinden die meisten Menschen Attentate, Angriffe auf andersgläubige, deren gesellschaftlichen Hintergrund sie vielleicht nicht teilen, weil sie Scharia und Koran so strikt auslegen, dass es es alternativlos zu sein scheint.

Terror ist jedoch eine äußerst extreme Variante und in vielerlei Hinsicht auf fehlerhafte Auslegung des Glaubens zurückzuführen. Trotzdem erschwert das Wissen um diesen terroristischen Weg vielen Menschen die Integration, denn viele Menschen haben Angst vor dem Terror und das nicht nur vor den Islamisten, sondern pauschal vor allen Muslimen.

„Tiefer Riss“: die Art, wie die Autorin über den Riss in unserer Gesellschaft schreibt

Dass sich ein Riss durch unsere Gesellschaft zieht, sieht man, wenn man sich die Wahlergebnisse ansieht. Die Kluft, wie man sieht, ist dabei aber nicht nur eine kulturelle Kluft, sondern auch oftmals darin begründet, dass die Menschen kaum Umgang miteinander haben.

Dabei sind in vielen Schulen heutzutage viele Kinder mit einem multikulturellen oder primären Migrationshintergrund, sodass man den Spracherwerb der einen theoretisch nutzen könnte, um über andere oder möglicherweise fremde Kulturen ins Gespräch zu kommen. Kulturelle Bildung ist jedoch nichts, was man einem Menschen einfach überstülpen kann. Kulturelle Bildung basiert auf erleben und erfahren.

Katja Schneidt bietet in ihrem Buch zwar einen genauen Blick auf mögliche Probleme, bietet aber vergleichsweise wenig Lösungen an, da diese zumeist sehr individuell sind. Obwohl „Tiefer Riss“ somit definitiv ein Buch ist, dass seine Schwächen aufweist, ist es auch ein Buch, das sich für Einsteiger in das Thema des kulturellen Austausches oder des Lebens in einer multikulturellen Gesellschaft anbietet.

Um tatsächlich tief in die unterschiedlichen Kulturen einzutauchen, erscheint mir dieses Buch jedoch eher eindimensional, wer sich jedoch konkret mit dem Islam beschäftigen möchte, hat mit diesem Buch sicher einen guten Einstieg.

Über die Autorin Katja Schneidt

„Die Autorin Katja Schneidt hat sich durch zwei Spiegel-Bestseller und regelmäßige TV-Auftritte einen Bekanntheitsgrad geschaffen, der ihr Aufmerksamkeit garantiert. Ob Stern-TV, Markus Lanz, RTL-Extra, Dunja Hayali oder Sat1 Frühstücksfernsehen – Schneidt ist durch ihren authentischen, kritischen und offenen Zugang ein gern gesehener Gast.

Die Sozialdemokratin geht an schwierige Themen mit Fingerspitzengefühl heran. Sie ist seit zehn Jahren ehrenamtlich in der Gewalt- und Konfliktberatung und seit knapp dreißig Jahren in der Flüchtlingshilfe tätig. Katja Schneidt ist die Frau an der Basis!“ (Goldegg Verlag)

Fazit zu „Tiefer Riss – Was uns spaltet und was uns verbindet“

„Tiefer Riss“ ist ein Buch, an das ich mit einer gewissen Erwartungshaltung herantrat. Die Idee war es, herauszufinden, wie Integration besser funktionieren kann. Eine Antwort auf diese Frage hat mir dieses Buch jedoch nicht wirklich präsentiert.

Vielmehr zeigte es mir mögliche Ursachen für Probleme bei der Integration. Die Lösung von Katja Schneidt, mehr Deutschkurse anzubieten, erscheint mir einerseits sinnvoll, da es immer nützlich ist, sich in der jeweiligen Landessprache sicher verständigen zu können.

Gleichzeitig jedoch bin ich mir nicht sicher, ob es mit einem Sprachkurs „Deutsch als Fremdsprache“ tatsächlich getan ist. Wer sich mit den Exit-Angeboten beschäftigt, bekommt schnell einen Eindruck davon, dass es bei der kulturellen Bildung letztlich eben doch um mehr gehen muss, als um Sprache.

„Tiefer Riss“ erscheint mir somit als ein Buch, das Fragen aufwirft, jedoch vergleichsweise echte Orientierung oder gar Lösung anbietet. Ich vermisse hier Verbindungen zu den unterschiedlichen muslimischen Kulturen, den Umgang der Schiiten, Suniten und Kurden und anderer muslimischer Ausrichtungen.

Jede einzelne bietet nämlich mal mehr und mal weniger Möglichkeiten des welt- und kulturoffenen Umgangs und Austauschs miteinander. Katja Schneidts Buch geht mir an dieser Stelle in Punkto Aufklärung einfach nicht weit genug.

Mir erscheint es durchaus sinnvoll, die kulturelle Teilhabe für alle umzusetzen und auch, dass jeder einen individuellen Weg finden muss, mag im Einzelfall stimmen, hat jedoch wenig mit der Herkunft oder dem Migrationsaspekt zu tun.

Vielmehr scheint es mir hilfreich, als Mensch (egal welcher Herkunft) stets und ständig auch über den eigenen Tellerrand hinauszublicken.

Ob es dazu ein Buch wie „Tiefer Riss“ benötigt, kann, will und werde ich an dieser Stelle unbeantwortet lassen. Im Zweifelsfall kann nämlich auch ein Austausch im Rahmen eines Gespräches viel Aufschluss bringen.

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