„Die Poesie des Tötens“ von Andrea Fehringer und Thomas Köpf

Ich muss sagen, “Die Poesie des Tötens” sprach mich aufgrund seines Klappentexts an. Das Cover hatte auf mich ebenso eine Sogwirkung, sodass ich mich sehr darauf freute, dieses Buch zu lesen. Tatsächlich las sich auch der Prolog aufgrund seiner Mordfantasie überaus spannend. In diesem wird ein Mord geschildert, bei dem nicht nur die reine Tötung beschrieben wird, sondern auch gleich der Täter offenbart wird. Kein normaler Thriller also, auch kein Krimi und schon gar nichts für schwache Nerven …
Das erste Kapitel ist dann sogar noch eine Spur spezieller, denn in diesem ersten Kapitel lernen wir mit dem Protagonisten Christopher Kleist bereits den Täter kennen. Warum also sollte ich dieses Buch lesen, wo doch die Spannung eigentlich schon vorbei zu sein scheint.

Spannung vorbei? Nicht im Geringsten!

Denn im ersten Kapitel beauftragt Christopher Kleist einen Ghostwriter damit, seine Biografie zu schreiben. Allerdings gibt es da ein kleines Problem, denn Max West möchte eigentlich nichts mit diesem Menschen zu tun haben, der ihm alles andere als behagte. Tatsächlich jedoch bleibt ihm gar keine andere Wahl, als den Auftrag in einer Zeit von nur sieben Wochen durchzuführen, denn der psychopathische Serienmörder hat ein ganz besonderes Druckmittel …

Der Inhalt

“Ein idyllischer Sommer in Wien: Zwischen italienischen Designermöbeln und geschmackvollen Kunstgegenständen genießt der erfolgreiche Ghostwriter Max West sein Leben mit Frau und Kind in vollen Zügen bis zu dem Tag, an dem ‘Kleist’ in ihr Leben tritt. Der grausam vorgehende Serienkiller entführt die gemeinsame Tochter und zwingt Max dazu, in nur sieben Wochen seine mörderische Biografie niederzuschreiben sieben Wochen, in denen er seine Tochter in den Händen eines Psychopathen weiß…” (Klappentext)

Gradlinig und mit einem ganz besonderen Stil

Bereits an den ersten beiden Kapiteln dieses Buches ist etwas Auffälliges. Stilistisch hebt sich der Prolog deutlich vom ersten Kapitel ab. Der Prolog beschreibt in einer nüchternen Sachlichkeit einen Mord an einem Menschen, der eigentlich noch viel vor hatte und auch gar nicht weiß, wie er in diese Situation gelangen konnte. Die hier beschriebene Szene ist an Brutalität und Emotionalität kaum zu überbieten und doch verursacht sie für den Verlauf des Buches ein Problem, denn der Prolog weckt Erwartungen, die das Buch erfüllen muss.

Warum dieses ein Problem ist, lässt sich relativ schnell auf den Punkt bringen. Die beiden Autoren, Andrea Fehringer und Thomas Köpf kommen aus der Journalistik, sachliche Szenen auf den Punkt zu bringen, ist also kein Problem für sie, darin haben sie jahrelange Erfahrung. Durch diese sachliche Reserviertheit im Prolog jedoch werden die Emotionen der Handlung erst hervorgehoben, denn das alles wird aus Sicht des Täters erzählt der eigentlich selbst keine Emotionen erlebt. Somit hilft Ihnen die Erfahrung aus ihrer täglichen Arbeit.

Die Tatsache, dass es sich dabei jedoch um einen Thriller handelt, macht die Sache etwas schwerer, denn nachdem man einen bemerkenswert starken Prolog erlebt hat, sind Erwartungen geweckt. Die Spannung ist auf einem hohen Niveau und genau dort müsste sie eigentlich gehalten werden.

Die Kunst der wohldosierten Spannung

Wie dosiert man Spannung richtig? Diese Frage ist wohl eine derjenigen, über den Erfolg oder Misserfolg eines Thrillers entscheidet und gleichzeitig ist es bei diesem ungewöhnlichen Thriller eine Frage, die offenbar zu einem Problem führt, denn Christopher Kleist ist ein Selbstdarsteller und er selbst sieht keinen wichtigeren Grund ein Buch zu schreiben, als sich selbst zu präsentieren. Genau dieses Verhalten zeigt sich besonders in den Dialogen zwischen West und Kleist. Genau dieser Stelle nimmt auch die Spannung etwas ab und das Buch verliert die zuvor gewonnene Geschwindigkeit. Gleichzeitig jedoch bleibt die Spannung unterschwellig immer erhalten, denn das Druckmittel der besonderen Art ist so ähnlich zu betrachten, wie die Bombe unterm Tisch bei Hitchcock, nur, dass hier eben nicht nur der Leser von Druckmittel weiß, sondern auch die beteiligten Protagonisten.

Dennoch ist es eben nur eine unterschwellige Spannung, die den Thriller etwas bremst. Dennoch möchte man unbedingt weiter lesen.

Kann man eigentlich einen Serientäter mögen?

Nun, diese Frage lässt sich bei diesem Buch mit einem eindeutigen Nein beantworten, denn aufgrund seiner Selbstdarstellung gelang es Christopher Kleist nicht, sich als Protagonist irgendwie im positiven abzugrenzen. Es ist eine Figur, die so selbst verliebt, rhetorisch korrekt und von sich überzeugt rüber kommt, dass man sie praktisch gar nicht mehr mögen kann.

Ich gehe davon aus, dass dieser Effekt beabsichtigt war. Allerdings weiß ich auch, dass es schwierig ist, mit diesem speziellen Charakter zurechtzukommen. Max West ist das genaue Gegenteil. Wobei das eigentlich so auch nicht stimmt. Denn auch Max West versucht, seine Handlungen zu beeinflussen, und ist in einem Gefüge der unterschiedlichen Charaktere gut zu charakterisieren. Gleichzeitig weiß man jedoch nicht, was man von ihm halten soll.

Im Gegensatz zu dem starken aber unliebsamen Charakter des Christopher Kleist macht er es einem leichter ihn zu mögen. Allerdings bleibt er ein wenig hinter meinen Erwartungen zurück. Ich möchte hier nicht von Eindimensionalität und Mehrdimensionalität der einzelnen Charaktere sprechen, denn jeder einzelne ist für sich genommen lebendig. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass die Stärke des einen Charakters den anderen zurückdrängt, ihn bedrängt und es so dem Leser erschwert in die Geschichte hineinzukommen. Hat man sich aber einmal an die seltsame Geschichte, ihrem Verlauf und die Protagonisten gewöhnt, möchte man dieses Buch nicht mehr aus der Hand legen.

Ein Abfall des Spannungsbogens

Ich hatte bereits darauf hingewiesen, dass der Prolog mit seiner starken Morddarstellung eine große Spannung hervorruft. Diese jedoch schwächt sich zum Beginn des eigentlichen Thrillers erst einmal wieder ab, um dann im Verlauf des Thrillers wiederum Fahrt aufzunehmen. Müsste ich den Spannungsbogen beschreiben, so hätte ich vermutlich das Bild einer Parabel im Kopf. Mir persönlich erscheint das jedoch nicht ganz so einfach? Möchte ich als Leser das Buch nicht direkt wieder aus der Hand legen, wenn die Spannung abnimmt und wäre es nicht sinnvoller gewesen, den Prolog etwas weniger informativ zu gestalten. Als Leser habe ich mich während des Verlaufes des E-Books gebracht, wo dieses E-Book wohl hinführen mag. Endet es mit der Festnahme des Täters und der Befreiung des besonderen Druckmittels oder mit dem Tod des Druckmittels? Gleichzeitig zu diesem parabelförmigen Spannungsbogen, scheint es jedoch im Hintergrund einen weiteren zu geben. Dieser verläuft zunächst unterschwellig, fängt jedoch im Verlauf des Buches den parabelförmigen Verlauf ab, mildert ihn und kehrt ihn um.

Beide Spannungsverläufe interagieren miteinander. Sie sind sind gegenläufig, heißt, dass man als Leser praktisch nie zur Ruhe kommt. Sich gleichzeitig jedoch gruselt und eine Gänsehaut verspürt, aber eben auch emotional mit Max West und eigentlich seiner gesamten Familie mitfiebert. Man hofft, man bangt, man bibbert. Genau genommen ist dieser Thriller genau das Richtige für kalte Wintertage, wenn man sich einmal eingelesen hat.

Fazit

Dieses Buch braucht nach einem spannenden Auftakt eine gewisse Zeit der Besinnung. Deutlich wird dieses insbesondere in den Dialogen zwischen Max und Christopher. Hat sich der Thriller dann jedoch gefunden, hält er sich nicht mit langen Reden auf, sondern geht in die Vollen. Es ist kein Thriller für schwache Nerven, aber einer, den es sich zu lesen lohnt, gerade weil es sich um das Thriller-Debüt der beiden Autoren handelt. Für meinen Geschmack ist es ein sehr intensiver Thriller, der sowohl emotional-psychologisch als auch motivationslastig mit seinem Leser spielt.

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Die Poesie des Tötens
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