Blogtour “Waldsterben in Vertikow”: Autoreninterview mit Frank Friedrichs

Voraussichtliche Lesezeit: 8 Minuten.

Hallo und herzlich willkommen zur Blogtour “Waldsterben in Vertikow”. Bei dieser Blogtour hatte ich die Ehre, das Autoreninterview mit Frank Friedrichs führen zu dürfen. Das freut mich sehr, denn so konnte ich einige spannende Fragen stellen, die Frank wirklich umfangreich und motiviert beantwortet hat.

Marie: Hallo Frank, schön, dass du dir heute Zeit für dieses Interview nimmst. Ich freue mich auch darüber, dass du uns heute deinen zweiten Kriminalroman um Peer Wesendonk vorstellst. Zugegeben auf meinem Blog dürften es wenige Leser sein, die dich noch nicht kennen, da ich ja “Erntedank in Vertikow” auch schon vorgestellt habe. Aber stellst du dich doch bitte dennoch kurz vor.

Autor Frank Friedrichs: Gern, obwohl ich immer gar nicht weiß, was die Leserinnen und Leser wirklich an mir interessiert. Ich finde die bloßen Fakten – gerade noch 48 Jahre, Studium der Germanistik, Kunstgeschichte und Musikwissenschaft, Tätigkeiten als Buchhändler, Krankenpflegehelfer, Zeitungs- und Rundfunkjournalist, Lektor, Korrektor, Fernlehrer und was weiß ich noch – immer gar nicht so interessant. Klar, ich weiß das ja auch alles seit Jahren.

Viel interessanter, vor allem auch für die Vertikow-Fälle, finde ich, dass wir mit Ende dreißig noch den Schritt gewagt haben, ohne den die Krimis nie entstanden wären: Zwei schwule Männer aus einer Großstadt im Westen ziehen in ein mecklenburgisches Dorf.

Okay, und den zweiten großen Schritt: Mit Ende vierzig gründen die beiden einen Verlag und publizieren ihre eigenen Bücher. Und schaffen sich dann auch noch zwei Hunde an. (lacht)

Marie: Peer ist ein ungewöhnlicher Ermittler in einer Reihe mit ungewöhnlichen Fällen an einem ungewöhnlichen Ort. Wieso ausgerechnet ein Kriminaler im Rollstuhl?

Autor Frank Friedrichs: Das hat mit der Entwicklung der gesamten Idee zu tun – ein Thema, das ich zumindest bei Lesungen immer zu vermeiden suche. Ursprünglich hatten wir mal herumgesponnen, es wäre doch originell, eine Krimireihe bei uns im Dorf spielen zu lassen, mit uns beiden als Ermittler. Doch bald wurde uns bewusst, dass sich dann zu viele unserer Nachbarn wiedererkennen würden, obwohl sie gar nicht gemeint waren. Oder noch schlimmer: Wenn man ein reales Dorf nimmt, braucht man auch reale Figuren – aber welchen seiner Nachbarn will man ermorden lassen???

Also beschloss ich, die Idee von uns als Personen und unserem Dorf zu entfernen. Was der Grundidee sehr gut getan hat. Denn man soll seiner Hauptfigur ja so viele Hindernisse in den Weg legen wie möglich. Und da hätte ich mir – wenn ich die Hauptfigur gewesen wäre – als MS-Betroffenen ohne jede Einschränkung haufenweise Hindernisse andichten müssen; für einen Rollstuhlfahrer sind sie einfach fix und fertig vorhanden.

Und jetzt weißt du vielleicht auch, wieso ich dieses Thema bei Lesungen meide – endlich schließt sich der Bogen: Ich will die Leute ja unterhalten und sie mit einem guten Gefühl nach Hause gehen lassen. Das wäre die MS schon ein ziemlicher Stimmungskiller …

Marie: Geht es im ersten Buch noch um einen Mord, der auch ein Unfall hätte sein können, ist es im zweiten Fall ein Wirtschaftsverbrechen. 8 Hektar Wald wurden gerodet und gestohlen. Wie kommt man auf derart ungewöhnliche Fälle?

Autor Frank Friedrichs: Das waren in beiden Fällen winzige Szenen bzw. Gedanken, die sich langsam zu einem großen Ganzen entwickelt haben. Ich habe einmal zwei alte Frauen beobachtet, die sich laut zeternd über einen Raser aufregten, der kurz zuvor an ihnen vorbeigeprescht war. Und in meinem Kopf entspann sich sofort eine Geschichte, die um die Frage kreiste: Was, wenn eine der beiden Frauen morgen tot hier auf der Straße liegt – überfahren von eben dem Raser?

Der Holzklau stammt von einem Waldspaziergang. Wald in Mecklenburg ist fast immer Nutzwald, das heißt, hier wird regelmäßig Holz entnommen. Entweder von „der Forst“ selbst, also von staatlicher Seite, oder von den Eigentümern oder Pächtern des Waldstücks. Ich kam mal an einer Stelle vorbei, wo gefühlt plötzlich kein einziger Baum mehr stand. Und zack! tauchten in meinem Kopf Fragen auf: Dürfen die das? Weiß das überhaupt jemand? Geht das mit rechten Dingen zu oder hat jemand das Holz illegal geschlagen? Und nach kurzer Recherche habe ich festgestellt, dass Holzklau tatsächlich immer mal wieder ein Thema in den Polizeiberichten der Zeitungen ist.

Marie: Warum ein Dorfkrimi?

Autor Frank Friedrichs: Weil ich das Dorfleben liebe. Und weil ich festgestellt habe, dass sich hier die großen gesellschaftlichen Verflechtungen und Abhängigkeiten im Kleinen wiederfinden. Früher habe ich Miss Marple nie geglaubt, wenn sie meinte, alles, was es in der weiten Welt gebe, gebe es auch in St. Mary Mead. Aber inzwischen bin ich überzeugt davon. Natürlich werden hier keine Weltherrschaftsverschwörungen geplant, aber Rivalitäten, Intrigen, Eifersucht und all diese bösen und furchtbar interessanten Themen gibt es halt in Dörfern auch. Nur eben kleiner – und vielleicht eine Spur menschlicher.

Und trotz allem bleibt es gemütlich. Man hat immer Zeit für einen Plausch, man hört noch die Vögel singen (wenn der Nachbar nicht gerade Rasen mäht) und sieht auf der Weide hinterm Dorf die Rinder grasen. Diese Mischung aus Sehnsuchtsort und Verbrechen fasziniert mich. Also quasi – Achtung, Kalauer – Sehnsuchtsmord. (lacht)

Marie: Was war bei den Recherchen zu deinem aktuellen Krimi besonders interessant? Womit hättest du so vielleicht auch nicht gerechnet?

Autor Frank Friedrichs: Interessant, vor allem aber herausfordernd war die Recherche hinsichtlich der Fördermittel-Richtlinien. Ich bin, weiß Gott, nicht doof, aber sich durch dieses Behörden- und Juristendeutsch so zu manövrieren, dass man am Ende auch versteht, was gemeint ist, das kostet Nerven. Kein Wunder, dass viele das entweder ihrem Anwalt oder Steuerberater übergeben oder gleich ganz auf die Förderung verzichten. Inzwischen könnte ich mir sogar vorstellen, dass viele der betrügerischen oder kriminellen Aktionen in der Wirtschaft (und der Landwirtschaft) gar nicht aus skrupelloser Gewinnsucht begangen werden, sondern vielleicht einfach nur, weil jemand ein Gesetz oder eine Richtlinie falsch verstanden hat.

Und was ich auf erschreckende Weise faszinierend finde, ist der Hackschnitzelharvester, die Maschine, um die es im Buch geht. Damit kann man in 2 Minuten einen Baum fällen, entasten und entrinden, sodass man einen kahlen, glatten Stamm hat. Und alle Reste sind dann schon klein gehäckselt. Dafür haben zwei Arbeiter früher einen ganzen Tag gebraucht. Irre, oder?

Marie: Was war oder ist bei diesem Vertikow-Krimi anders als bei deinem Debüt?

Autor Frank Friedrichs: Vor allem der zeitliche Druck. Wenn ich mir eine Fangemeinde aufbauen will, muss die natürlich regelmäßig „gefüttert“ werden; am besten mindesten einmal im Jahr. Beim ersten Band konnte ich mir noch Zeit lassen und feilen, bis alles wirklich rund war und ich dachte: So, jetzt kann ich ihn veröffentlichen. Beim zweiten Band wollte ich alles ein wenig zu schnell machen, und um ein Haar wäre mir das vor die Füße gefallen. Glücklicherweise hat meine Schlusskorrektorin auf meinen Wunsch hin auch inhaltlich extrem gründlich gelesen und einige Stellen aufgetan, die so nicht funktioniert haben. Folge: Der Band ist zwei Monate später erschienen als geplant – aber mit Sicherheit auch zwei Klassen besser!

Marie: Hast du mittlerweile so etwas wie Schreib- oder Rechercherituale? Welche?

Autor Frank Friedrichs: Ich würde eher sagen, mittlerweile nicht mehr. Früher, als ich mich im Fantasy-Genre versucht habe, habe ich immer zuerst ein Teelicht in einer zierlichen Specksteinlampe aus Indien angezündet, meiner „Elbenlampe“. Die steht zwar noch auf der Fensterbank, leuchtet aber kaum noch.

Gut, wenn man das zu den Ritualen zählt: Ich stehe morgens um 6 Uhr auf, mache ein wenig Sport und koche mir einen frischen Ingwertee. Morgens den unverbrauchten (und zurzeit noch dunklen) Tag zu nutzen, ist für mich unheimlich wichtig, weil später so viel auf mich einstürmt, dass ich kaum noch zum Schreiben komme.

Marie: Wo schreibst du besonders gerne? Und warum?

Autor Frank Friedrichs: Also, die meiste Zeit schreibe ich ganz profan am Schreibtisch. Warum? Weil mein PC dort steht. (schmunzelt) Ich mache fast alles am PC, nur die allererste Ideensuche läuft mitunter noch mit einem Blatt Papier und einem Stift ab. Aber all das Plotten und Recherchieren geschieht schon elektronisch.

Und wenn du das Ganze etwas größer meinst: Ich schreibe gern in Dänemark. Mein Mann hat einen Lieblingsort an der Nordsee, den wir mindestens einmal im Jahr besuchen. Dort kenne ich alles, dort lenkt mich nichts ab – und doch ist es ein Ausbrechen aus der Alltagsroutine. Das ist übrigens sehr wichtig für mich: immer die Möglichkeit zum Schreiben zu haben. Ein Urlaub ohne Schreib(frei)zeit wäre für mich eine Qual!

Marie: Eine Frage, die deine Leser wohl besonders interessiert: Wird es einen dritten Vertikow-Krimi geben?

Autor Frank Friedrichs: Meinst du die Frage ernst? Natürlich!

Und ich werde schon mal ein wenig verraten, worum es geht. In Wakenstädt, dem Nachbarort Vertikows, gibt es ein historisches Schlachtfeld, auf dem 1712 eine der entscheidenden Schlachten im Nordischen Krieg getobt hat. Wer gerade aufgepasst hat, hat gemerkt, dass das 300-jährige Jubiläum der Schlacht noch gar nicht lange zurückliegt. Und darum wird es gehen. Folglich wird der dritte Band voraussichtlich „Schlachtenlärm in Vertikow“ heißen. Und ich arbeite schon mit Hochdruck daran!

Danke, dass du dir Zeit genommen hast, meine Fragen zu beantworten.

Autor Frank Friedrichs: Sehr gern! Ich danke dir und den anderen Bloggerinnen, dass ihr so eine fantastische Blogtour zu meinem Buch gemacht habt.

Gewinnspiel

Natürlich gibt es auch zur heutigen Blogtour ein Gewinnspiel. Um in den Lostopf zu gelangen, beantwortet mir einfach die folgende Frage: ” Welche Frage hättet ihr dem Autor gestellt?”

Es gelten die Teilnahmebedingungen von Spread and Read.

Was gibt’s zu gewinnen?

Tatsächlich gibt es dieses Mal keine Bücher zu gewinnen.Stattdessen habt ihr die Gelegenheit folgendes zu gewinnen:
1. Preis: Wandbehang mit Buchenwald, 150 x 120 cm
2. Holzbrett mit Gravur “Vertikow”, ca. 20 cm lang
3. Baumkuchen mit Zartbitterglasur

Ich drücke euch die Daumen.

Die weiteren Stationen der Blogtour

28.02. – Peer Wesendonk ermittelt bei Anja von Zwiebelchens Plauderecke

01.03. – Nichts ist wie es scheint bei Marion von Buchlieblinge

02.03. – Die Sache mit den Fördermitteln bei Sandy von Sandys Welt

03.03. – Keiner will es gewesen sein bei Eva von Astis Hexenwerk

04.03. – Autoreninterview bei mir

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Hallo und herzlich willkommen zur Blogtour "Waldsterben in Vertikow". Bei dieser Blogtour hatte ich die Ehre, das Autoreninterview mit Frank Friedrichs führen zu dürfen. Das freut mich sehr, denn so konnte ich einige spannende Fragen stellen, die Frank wirklich umfangreich und motiviert beantwortet hat.
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